Wir warnen Kinder vor Gefahren, die ihnen vielleicht im Leben begegnen. Wir erklären ihnen, nicht mit dem Feuer zu spielen. Oder, dass sie vorsichtig die Strasse überqueren sollen. Es gibt aber eine Gefahr, über die Kinder immer noch kaum aufgeklärt werden: sexualisierte Gewalt, ausgeübt durch Erwachsene. Und wenn sie darüber aufgeklärt werden, dann meist nur über den Fremdtäter, ein unbekannter Mann, der den Kindern auflauert und sie mit Süssigkeiten lockt. Wenn man Kinder nur vor dem Fremdtäter warnt, ist das so, als würde man Kinder nur vor dem Mähdrescher im Strassenverkehr warnen, nicht aber vor den Lastwagen.

Agota Lavoyer
Gemäss der Weltgesundheitsorganisation ist davon auszugehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sitzen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Zudem ist davon auszugehen, dass 97 Prozent der Täter:innen dem Kind nahestehende Personen sind.

Sexualisierte Gewalt an Kindern ist weitverbreitet. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation ist davon auszugehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sitzen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Zudem ist davon auszugehen, dass 97 Prozent der Täter:innen dem Kind nahestehende Personen sind. Trotzdem ist sexualisierte Gewalt an Kindern auch im Jahr 2022 noch ein Tabuthema, eine stille Epidemie mit verheerenden Folgen für die Opfer. Sich mit sexualisierter Gewalt an Kindern auseinanderzusetzen, heisst gleichzeitig auch, sich damit auseinanderzusetzen, zu welch grausamen Taten Menschen fähig sind. Schlimmer noch: Zu realisieren, dass solche Menschen höchstwahrscheinlich auch im eigenen Umfeld zu finden sind. Dieser Gedanke ist schmerzhaft und lässt die meisten von uns vor Ohnmacht und Überforderung sprachlos zurück.

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Es sind die, von denen man es nie gedacht hätte

Was müssen wir also tun, um unsere Stimme wiederzufinden? Wir müssen sexualisierte Gewalt an Kindern in den Bereich des Vorstellbaren rücken. Solange etwas unvorstellbar ist, kann man es nicht begreifen und auch nicht bekämpfen. Es muss also für uns alle vorstellbar werden, dass auch in unserem Umfeld Kinder sexuell ausgebeutet werden. Ich sage immer: Ich würde für keinen Menschen in meinem Umfeld die Hand ins Feuer legen, dass er sich niemals an einem Kind sexuell vergreifen würde. Heisst das, dass ich allen Menschen mit Misstrauen begegne? Auf keinen Fall. Ich bin mir einfach bewusst, dass wir einem Menschen nicht ansehen können, ob er eine sexuelle Absicht gegenüber einem Kind hegt oder nicht. Es bedeutet, dass ich mir bewusst bin, dass die Täter:innen immer diejenigen sind, von denen man es «nie erwartet hätte». Würde ich beispielsweise für alle mir lieben Menschen die Hand ins Feuer legen, hätte das schliesslich zur Folge, dass ich mein Kind nicht hören würde, wenn es mir einen sexuellen Übergriff durch einen dieser Menschen offenlegen würde.

Ich würde für keinen Menschen in meinem Umfeld die Hand ins Feuer legen, dass er sich niemals an einem Kind sexuell vergreifen würde. Heisst das, dass ich allen Menschen mit Misstrauen begegne? Auf keinen Fall. Es bedeutet, dass ich mir bewusst bin, dass die Täter:innen immer diejenigen sind, von denen man es «nie erwartet hätte».

Erklärt den Kinder, was okay ist – und was nicht

Und dann gibt es noch die Ebene der Kinder. Wenn man Kinder fragt, ob man in einem Laden etwas stehlen darf, werden alle heftig den Kopf schütteln. Wenn man Kinder fragt, ob ihnen jemand unter den Pullover greifen darf, reagieren viele mit Achselzucken und Ratlosigkeit. Auch das müssen wir ändern. Kinder müssen sexualisierte Gewalt als solche erkennen können und für sich selbst ein Unrechtsbewusstsein in Bezug auf sexualisierte Gewalt entwickeln. Dafür müssen die Kinder mehr wissen, als dass sie «Nein» sagen dürfen und dass niemand sie im Intimbereich berühren darf. Wieso? Weil kaum ein Kind, das von einem ihm vertrauten Täter manipuliert wurde, «Nein» sagen kann und der Täter sich auch kaum von einem Kinder-Nein würde abhalten lassen. Und weil es sehr viele Formen sexualisierter Gewalt gibt, die ohne Berührungen des Intimbereichs des Kindes passieren: Erwachsene, die vor dem Kind onanieren, dem Kind Pornos zeigen oder das Kind auffordern, sie im Intimbereich zu berühren – um nur einige zu nennen. Bitte klärt eure Kinder darüber auf, welche Formen sexualisierte Gewalt haben kann und dass Erwachsene Kinder nie sexuell berühren dürfen, auch die lieben Erwachsenen nicht.

Agota Lavoyer
Es gibt sehr viele Formen sexualisierter Gewalt, die ohne Berührungen des Intimbereichs des Kindes passieren: Erwachsene, die vor dem Kind onanieren, dem Kind Pornos zeigen oder das Kind auffordern sie im Intimbereich zu berühren – um nur einige zu nennen. Bitte klärt eure Kinder darüber auf, welche Formen sexualisierte Gewalt haben kann und dass Erwachsene Kinder nie sexuell berühren dürfen, auch die lieben Erwachsenen nicht.

Wenn wir sexualisierte Gewalt an Kindern in den Bereich des Vorstellbaren gerückt haben und Kinder darüber aufgeklärt haben, welche Nähe okay ist und welche nicht … Was dann?

Achtet auf die alltäglichen Grenzüberschreitungen

Sexualisierte Gewalt an Kindern fängt fast immer mit leichten Grenzverletzungen und oft vor unseren Augen an: Der Grossvater, der sich immer neben das Kind legt beim Mittagsschlaf, der Trainer, der das Kind auf den Schoss nimmt, die Nachbarin, die das Kind ständig umarmt, der Onkel, der mit dem Kind duscht, um ihm beim Haarewaschen zu helfen. Nun höre ich dich schon intervenieren: Das seien doch alles alltägliche Situationen, die überhaupt nichts mit sexuellen Übergriffen zu tun haben müssen! Ja, da gehe ich absolut mit dir einig. Ich würde sogar behaupten: In den allermeisten Fällen ist diese Nähe zwar unnötig oder gar unangebracht – aber es steckt keine sexuelle Absicht des Erwachsenen dahinter. Aber: In einer kleinen Minderheit der Fälle könnten genau diese Verhaltensweisen der Beginn einer Annäherung an ein Kind sein, mit klaren sexuellen Absichten. Du magst dich erinnern: Sich nun zu überlegen, ob der Grossvater, der Trainer, die Nachbarin oder der Onkel sexuelle Absichten haben, führt in eine Sackgasse. Wir werden immer, wirklich immer, zum Schluss kommen: Nein, sie haben keine sexuellen Absichten. Was heisst das nun? Das heisst, dass wir anfangen müssen, bei den alltäglichen Grenzverletzungen hinzuschauen und auch dann zu intervenieren, wenn wir keine sexuelle Absicht vermuten. Weil wir damit auch die Fälle verhindern können, die zu sexuellen Übergriffen führen könnten und weil wir damit dem Kind signalisieren: Ich übernehme Verantwortung für den Schutz deiner körperlichen und sexuellen Integrität.

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Ich möchte dich ermutigen, dich einzumischen und sexualisierte Gewalt an Kindern zum Thema zu machen – in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein oder in der Nachbarschaft. Der Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und wird erst gelingen, wenn wir alle unseren Teil beitragen. Tabus bricht man, in dem man über sie spricht. Fang heute damit an. Nichts ist für potenzielle Täter:innen abschreckender als ein Umfeld, in dem offen über Nähe, Grenzen und Grenzverletzungen gesprochen wird!

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