NEW: elleXX hat einen Quotenmann. Unser neuer Kolumnist gehört zur dominanten Gruppe «weiss und männlich». Man könnte ihn durchaus für einen Macho halten. Er denkt immer wieder in alten Mustern und Stereotypen – nur ertappt er sich zunehmend dabei. Er begreift, dass die bestehenden Strukturen immer die gleichen Menschen begünstigen und die anderen benachteiligen. Dies treibt ihn dermassen um, dass er nun regelmässig darüber bei elleXX schreiben will. Als selbstbewusster Mann versteht er Chancengleichheit als Muss. Gleichzeitig löst das auch Ängste aus. Er denkt, dass er damit nicht alleine ist und es vielen Männern so ergeht.

Eine meiner besten Freundinnen seit Kindesbeinen ist Hebamme und hat mich vor drei Jahren gefragt, ob ich Präsident eines von ihr geführten Vereins werden möchte. Mamamundo Solothurn ist ein Verein, der sich für die Verbesserung des Gesundheitswissens von Migrant:innen und damit die Gesundheit von Mutter und Kind einsetzt. Also per se nicht wirklich mein Themenfeld.

Auf meine Bedenken hin, dass sie in diesem Gebiet ja die Fachverständige, ich weniger bewandert und darüber hinaus ein Mann sei, entgegnete sie, dass sie mich genau wegen meiner Kompetenzen in der Kommunikation und im Vernetzen als Präsident haben möchte. Mein Geschlecht spielte für sie keine Rolle, worauf ich mich entschied: Ok, let’s do it – schliesslich ist Geburt auch Männersache.

Wenn ich von meinem Engagement erzähle, begegnen mir Zuhörer:innen nicht selten mit Verwunderung, oft mit einem verdutzten Lachen. Die darauf folgenden Gespräche drehen sich selten um die Inhalte meiner Funktion, sondern um die Branche. Ich verüble es ihnen nicht, schliesslich zählte der Schweizerische Hebammenverband 2018 auf rund 3300 Hebammen ganze zwei männliche Hebammen. Und dennoch irritiert mich das Staunen.

«Das ist doch eine Frauenbranche!» Diese Reaktion erscheint mir unverständlich im Licht der Tatsache, dass es sich um Geburten und deren Vorbereitung handelt. Dass sich eine Frau nicht selber befruchtet, leuchtet ein. Ausserdem geht es ganz fundamental darum, das Kinderkriegen im Sinne der Chancengleichheit für alle sicherer zu machen. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und auf jeden Fall auch diejenige der werdenden Väter.

Dass sich eine Frau nicht selber befruchtet, leuchtet ein. Ausserdem geht es ganz fundamental darum, das Kinderkriegen im Sinne der Chancengleichheit für alle sicherer zu machen. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und auf jeden Fall auch diejenige der werdenden Väter.

Forscher der Berliner Charité stellten fest, dass Väter, die sich gut betreut und einbezogen fühlten, die Geburt positiver erlebten und dadurch ihrer Frau emotional näher waren. Ein wichtiger Faktor war dabei, wie gut sich der Vater mit der Geburt auseinandergesetzt und sich vorbereitet hat. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, dass sich meine Sicht auf Themen ändert, je mehr ich weiss und je involvierter ich bin. Prägende Ereignisse, die wie bei einer Geburt einen Lebensphasenübergang mit sich bringen, wirken sich stark auf das Leben danach aus. Folglich gewinnen auch Themen wie Care-Arbeit, Elternzeit sowie faire Teilung der häuslichen und elterlichen Pflichten und Rechte für die Einbezogenen an Gewicht.

Stefan Glantschnig
Forscher der Berliner Charité stellten fest, dass Väter, die sich gut betreut und einbezogen fühlten, die Geburt positiver erlebten und dadurch ihrer Frau emotional näher waren. Ein wichtiger Faktor war dabei, wie gut sich der Vater mit der Geburt auseinandergesetzt und sich vorbereitet hat.

Ich persönlich engagiere mich,  weil es mich eben gereizt hat, mich mit einer mir teilweise fremden Welt auseinanderzusetzen. Zum einen komme ich als kinderloser Mann mit diesen Themen selten in Kontakt und nehme sie weniger wahr. Damit ich mir jedoch eine fundierte Meinung bilden kann, brauche ich Informationen und einen persönlichen Bezug – und das möchte ich. Denn auch ich stimme ab und kann dabei helfen, die Rahmenbedingungen zu ändern.

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Zum anderen habe ich eine Schwester, die sich ebenfalls gegen den traditionellen Weg entschieden hat, eine Mutter, die sich von Kindesbeinen an mit traditionellen Rollenvorstellungen konfrontiert sah, und ganz allgemein hatte ich zeitlebens immer viele Freundinnen (nicht Beziehungen). Die Auseinandersetzung mit ihren Lebenswelten und Herausforderungen zeigte mir, dass sich diese teilweise deutlich von meiner unterscheiden. Ich will diese besser verstehen.

Last but not least wurde ich in eine medizinische Familie geboren, arbeite beruflich schon länger im Bereich der Gesundheitsthemen und bin der Überzeugung, dass genau dort grundsätzlich komplette Chancengleichheit bestehen müsste. Stand heute sorgen diese Themen jedoch für mehr Ungleichheit als viele andere, und das obwohl sie die meisten Menschen betreffen. Schlicht, weil die Rollenzuschreibung in der Vergangenheit so vehement und klar definiert wurde.

Stefan Glantschnig
Geburt betrifft beide, Mütter und Väter. Es ist absurd, genau hier Grenzen zu ziehen.

Ich rede mit meinen Freunden darüber, was ich beruflich und privat mache. Werden traditionelle Berufsrollenbilder und Schemen aufgebrochen, regt das die Diskussion in der Gesellschaft an, und es kann eine neue Realität entstehen. Die Geburt betrifft beide, Mütter und Väter. Es ist absurd, genau hier Grenzen zu ziehen. Was mache ich also als kinderloser Mann in einem solchen Verein? Die Antwort ist simpel: Ich habe ein persönliches Interesse, mehr zu lernen, indem ich mich entschieden damit auseinandersetze. Ich möchte gesellschaftliche Strukturen mitgestalten und Veränderung ermöglichen, indem ich darüber rede und mich einbringe. Ich sehe es als meine (Mit-)Verantwortung, als Rollendurchbrecher meinen Teil zu leisten. Die gleiche Frage liesse sich nämlich stellen, weshalb ich als Mann hier eine Kolumne schreibe: Nun, ich will nicht jeden dummen Spruch über «Frauenbranchen» einzeln beantworten, sondern lieber den Link zu diesem Artikel schicken.