Let’s face it: Es gibt wenige Jobs, die undankbarer sind als die Mutterschaft. Belege dafür gibt es unzählige – darüber haben wir hier bei elleXX schon oft geschrieben. Mütter machen in der Regel keine grossen Karrieren mehr, haben Mühe bei der Jobsuche und verdienen schlechter als kinderlose Frauen – und Männer sowieso. Sie leisten einen Grossteil der Gratisarbeit in unserer Gesellschaft, stehen im Alter oft arm da und sind häufig alleinerziehend – viel häufiger als Väter. All diese Nachteile, die aus der Mutterschaft erwachsen, werden unter dem Begriff der «Motherhood Penalty» – zu Deutsch: Mutterschaftsstrafe – zusammengefasst.

Rosanna Grüter
Mütter leisten einen Grossteil der Gratisarbeit in unserer Gesellschaft, stehen im Alter oft arm da und sind häufig alleinerziehend – viel häufiger als Väter. All diese Nachteile, die aus der Mutterschaft erwachsen, werden unter dem Begriff der «Motherhood Penalty» – zu Deutsch: Mutterschaftsstrafe – zusammengefasst.

Hinzu kommen die körperlichen Strapazen von Schwangerschaft und Geburt. Diese stellen immer noch ein grosses Risiko für die Gesundheit von Frauen dar. Jeden Tag sterben weltweit mindestens 830 Frauen an vermeidbaren Ursachen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, vor allem im globalen Süden.

All dies sind Gründe, warum ich  für meinen Teil auf Kinder verzichte – zumindest bis jetzt, und aller Voraussicht nach bis in alle Ewigkeit. So wie ich mich kenne, wäre ich als Mutter nämlich ständig wütend über all die Ungerechtigkeit, die mir in dieser Rolle widerfährt. Ich bin ja schon «nur» aufgrund der Stereotypen und Ungerechtigkeiten ständig wütend, die mir als kinderlose Frau so widerfahren – und diese sind weitaus weniger schwerwiegend.  

Dass wir einmal im Jahr all den Frauen huldigen, die sich gegen jede Vernunft dennoch für Kinder entscheiden und damit nicht nur die AHV, sondern gar den Fortbestand unserer Spezies sichern, finde ich darum mehr als angebracht! Ausserdem gibt es ja wirklich für beinahe jedes ungelöste Problem der Menschheit einen spezifischen Tag – von HIV über Cannabis bis hin zum Schutz der Frösche (übrigens der 15. März, mein Geburtstag – aber dies nur so am Rande). Warum also nicht auch einen, um auf die doch eher schlechte Behandlung von Müttern auf dieser Welt hinzuweisen?!

Rosanna Grüter
Dass wir einmal im Jahr all den Frauen huldigen, die sich gegen jede Vernunft dennoch für Kinder entscheiden und damit nicht nur die AHV, sondern gar den Fortbestand unserer Spezies sichern, finde ich mehr als angebracht!

Last but not least schlägt auf der Habenseite der Muttertagsbilanz deren Entstehungsgeschichte zu Buche. Die Ursprünge des Muttertags lassen sich nämlich bis ins antike Griechenland zurückverfolgen, wo jeweils im Frühling mit einem Fest zu Ehren von Rhea, der Mutter von Zeus, der Mutterkult gepflegt wurde.

In neuerer Zeit wurde ein Tag zu Ehren aller Mütter erstmals ab den 1860er-Jahren gefordert – und zwar von der britischen und US-amerikanischen Frauenbewegung. Also von denjenigen Frauen, die als erste das Stimmrecht für ihre (und meine!) Geschlechtsgenossinnen forderten und damit den Weg für die (theoretische) Gleichberechtigung von Frauen ebneten.

So weit, so pro Muttertag!

Als eigentliche Mutter des Muttertags gilt nun aber die US-Amerikanerin Anne Marie Jarvis, die nach dem Tod ihrer eigenen Mutter in den Methodistenkirchen ihres Heimatortes eine Andacht zu Ehren aller Mütter einzuführen wusste. Folgerichtig war die erste Organisation, die den Muttertag in der Schweiz adaptierte und gesellschaftlich zu implementieren versuchte, denn auch die ebenfalls methodistisch ausgerichtete Heilsarmee. Diese rief erstmals im Sommer 1917 zur Begehung eines Ehrentages für die Mutter auf – und begründete dies mit religiösen Argumenten. In seiner modernen Form ist der Muttertag also eine evangelikal-christliche Erfindung.

Und spätestens ab jetzt wird es kompliziert – zumindest für mein Verständnis. Denn wie es um das Frauenbild in der christlichen Tradition lange Zeit bestellt war (und häufig immer noch ist!), brauche ich hier wohl nicht erst zu erläutern. Dass der Muttertag von den Nazis zum offiziellen Feiertag ernannt wurde – zumindest in Deutschland – trägt zusätzlich zu meinem neuen Skeptizismus bei.

Rosanna Grüter
In seiner modernen Form ist der Muttertag also eine evangelikal-christliche Erfindung. Dass der Muttertag von den Nazis zum offiziellen Feiertag ernannt wurde – zumindest in Deutschland – trägt zusätzlich zu meinem neuen Skeptizismus bei.

Und dann gibt es da noch die Geschichte mit den Blumenhändlern. Erst diese verhalfen dem Muttertag in seiner heutigen Form nämlich zum endgültigen Durchbruch – sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland. Die Floristenverbände riefen so lang öffentlich zur Begehung des Muttertages auf, bis sich dieser in der Gesellschaft durchsetzte. Auf ihr Betreiben wurde auch der zweite Sonntag im Mai als Datum festgelegt. Der Muttertag ist denn auch bis heute der umsatzstärkste Tag für Blumenhändler in den USA und Europa – Kopf an Kopf (und manchmal noch vor!) dem Valentinstag.

Mein Fazit: Würden wir es endlich schaffen, die Mutterschaftsstrafe abzuschaffen und Frauen mit Kindern die Anerkennung zuteil werden lassen, die sie verdienen, bräuchte es den Muttertag mit all seinen Altlasten nicht mehr. Das wäre schön. Und bis es soweit ist, sage ich meiner Mama einfach, dass ich sie lieb hab. So oft wie möglich, und am Muttertag ganz besonders. Blumen kaufen werde ich dafür nicht mehr.

elleXX Rechtsschutz
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