Alan Frei hat das Sextoy-Unternehmen Amorana mitgegründet und kürzlich verkauft. Der 40-Jährige ist nach wie vor froh um Erotikspielzeuge, auch wenn sie ihm den Start ins Unternehmertum fast verunmöglicht hätten.

Wir fragen Männer, was sonst nur Frauen gefragt werden. Wir wollen damit einen Dialog über Stereotypen in Gang setzen, zum Nachdenken und Schmunzeln anregen, aber auch Toxizität entlarven.

Du hast einen Bachelor in Finanzen, eine mutige Wahl. Warum hast du dir das zugetraut?

Ganz ehrlich, viel Mut brauchte es dafür nicht. Aber es ist doch ein sehr langweiliges Studium.

Warum hast du es dann abgeschlossen?

Es war eine reine Versicherung für mich. Damit ich etwas Handfestes für meine Zukunft habe und damit ich mir meine Eltern vom Leib halten und ihnen sagen kann: I’ve done my thing – ich habe ein Studium abgeschlossen.

Alan Frei
Viele «Finance Bros», also all die Männer in der Finanzbranche, langweilen mich einfach ungemein.

Was fandest du denn langweilig am Studium?

Nicht einmal die Materie an sich, da kann man sicher etwas Spannendes finden. Aber was danach kam, war zum Gähnen.

Was meinst du?

Ich habe etwa sieben Monate lang in einem Finanzunternehmen gearbeitet und musste einfach nur Excel-Tabellen ausfüllen. Null geil. Und: Viele «Finance Bros», also all die Männer in der Finanzbranche, langweilen mich einfach ungemein.

Wie ist es denn so, mit diesen Finance Bros abzuhängen?

Ich kenne heute nicht mehr so viele. Aber auch sie haben ihre unterhaltsamen Seiten. Die strotzen ja alle vor Selbstbewusstsein – auf den ersten Blick zumindest. Auf der anderen Seite haben sie oft eine sehr seltsame Definition von Erfolg. Oder jedenfalls eine, die nicht meiner Weltanschauung entspricht.

Ah ja? Inwiefern?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Ich mache jedes Jahr eine Umfrage unter meinen sieben besten Freund:innen. Eine anonyme Umfrage, bei der sie mich und mein Verhalten mit Schulnoten bewerten müssen.

Bitte was?

Ja. Ich frage sie zum Beispiel, ob ich ein guter Freund bin. Oder ob sie mich attraktiv finden. Die Idee dahinter ist, dass ich sicherlich blinde Flecken habe und mich immer verbessern kann. Wenn man in meinem Alter Freundschaften hat, sieht man sich aber vielleicht nicht mehr so oft wie in jüngeren Jahren. Und wenn man sich trifft, will man nicht über Selbstoptimierung sprechen. Deshalb verschicke ich einmal jährlich diese Umfrage. Eine Frage daraus ist: Bin ich erfolgreich? Ich verlange absolute Ehrlichkeit von meinen Freund:innen, und es ist teilweise brutal, was so zurückkommt.

Das kann ich mir vorstellen.

Jedenfalls habe ich noch zwei Freunde aus Studienzeiten, eben solche Finance Bros. Sie haben mir in Sachen Erfolg jahrelang schlechte Noten gegeben. Eine 2, höchstens mal eine 2–3. Bis Amorana wirklich gross wurde und ich die Firma schliesslich verkauft hatte. Plötzlich bekam ich von ihnen eine 6. Sprich: Sie messen Erfolg vor allem am Finanziellen. Ich kann das ein Stück weit auch nachvollziehen, sie haben viel Geld gemacht, während ich im Produktionslager Dildos gezählt habe. Dafür wurde ich auch oft belächelt von ihnen.

(Die Journalistin kichert in ihren Tee.)

Ja, wirklich. Ich hatte irgendwann den Übernamen «Dildo-Alan».

Hat dich das gestresst?

Nein, der Übername nicht. Aber es hat mich gestresst, dass ich lange Zeit weniger Geld hatte als meine Freund:innen und sie zum Beispiel nicht zum Essen einladen konnte.

Was bedeutet denn Erfolg für dich?

Dass ich die Freiheit habe, mein Leben so zu gestalten, wie ich will. Klar, das kann auch mit Geld zusammenhängen. Aber für mich bedeutet echte Freiheit eben auch, einen Job nicht ausschliesslich wegen des Geldes zu machen.

Kümmert sich deine Freundin um deine Finanzen?

Haha, nein. Aber ich habe einen Treuhänder. Ich hatte wie gesagt nie viel Geld und gehörte immer zu denen, die bei der Stadt anrufen mussten, um die Steuern in Raten zahlen zu können. Und zu spät war ich auch immer. Es macht mir ausserdem auch keinen Spass, mich um mein Geld zu kümmern. Deshalb habe ich heute jemanden, der mir das abnimmt.

Wie viel weniger hast du bei Amorana verdient als deine Kolleginnen?

Ich und mein Geschäftspartner haben uns lange Zeit 2000 Franken im Monat ausgezahlt. Dann gabs eine kurze Zeit, wo unser Lohn am höchsten war, und später kamen Leute hinzu, die auf ihrem Gebiet schlichtweg besser qualifiziert waren als ich. Die haben dann natürlich mehr verdient. Ungefähr zehn Prozent mehr als ich.

Alan Frei
Lange wollte gar niemand investieren – in Amorana steckte vor allem unser eigenes Geld. Wir konnten nicht einmal ein Bankkonto eröffnen.

Aber Männer sind doch geldgeil?

Naja, ich als Unternehmer hatte den Anspruch, dass gute Leute bei mir bleiben. Hätte ich daran festgehalten, als Geschäftsführer und Eigentümer unbedingt am meisten verdienen zu wollen, wären meine Angestellten aus dem Online-Bereich zum Beispiel einfach zu Google gegangen. Sie hätten die Qualifikation gehabt und dort viel mehr Geld verdienen können. Aber die Leute bleiben oft bei dir wegen der Wertschätzung – nicht nur wegen des Lohns.

War es schwierig, für Amorana Investor:innen zu finden? Projekte von Männern werden ja viel weniger gefördert als solche von Frauen.

Es war tatsächlich sehr schwierig. Lange wollte gar niemand investieren – in Amorana steckte vor allem unser eigenes Geld. Wir konnten nicht einmal ein Bankkonto eröffnen.

Warum nicht?

Weil wir den Ausdruck «Erotikprodukte» in unserem Handelsregistereintrag stehen hatten. Jede Bank, jede Versicherung ist sofort zurückgeschreckt, wir waren eine wandelnde «red flag» für sie. Wir bekamen also kein Konto, geschweige denn Geld. Darum haben wir den Ausdruck dann gestrichen.

Kürzlich habt ihr Amorana verkauft. Viel Geld scheints aber nicht gegeben zu haben – oder weshalb hast du einen Onlyfans-Account?

(Kichert.) Ja gut, ich habe ja nur drei Follower oder so.

Warte mal ab, bis dieses Interview veröffentlicht wird.

Verlinkst du den Account bitte?

Wenn du das möchtest, gern.

Ja, unbedingt! Vielleicht können wir eine elleXX-Kooperation machen, damit eure Members bei mir ein günstigeres Abo abschliessen können. Momentan ist es aber noch gratis, ich finde den Mindestbetrag von 4.99 Dollar etwas hoch für mich.

Typisch Mann, so selbstkritisch.

Ja, gell, total. Aber: Ich nutze Onlyfans tatsächlich für einen ganz spezifischen Zweck.

Ja, dann erklär mal.

Ich probiere, für die Philippinen an die Olympiade 2026 zu gehen. Voraussichtlich im Langlauf. Und auf Onlyfans muss man ja nicht nur Füsse oder andere Körperteile zeigen, sondern man kann auch mit seiner Sportkarriere flexen.

Wirklich?

Naja, ich probiere es jetzt mal aus. Ich erzähls dir dann, wenn ich es geschafft habe.

Alan Frei
Auch Männer haben Probleme damit, zum Orgasmus zu kommen. Es ist einfach noch ein grosses gesellschaftliches Tabu.

Gut, ich bin gespannt. Sag mal, wie ist das bei dir eigentlich so mit dem Orgasm Gap? Beim Hetero-Sex kommen ja nur etwa 30 bis 60 Prozent der Männer zum Orgasmus, bei den Frauen 70 bis 100.

Hmm. (Überlegt lange. Sehr lange.) Ich weiss nicht genau, wo die Gründe für diesen Gap liegen. Vielleicht sind Männer wirklich einfach egoistischer? Oder vielleicht liegts an der Biologie? (Überlegt nochmal lange.) Ich weiss es nicht. Aber: Ich bin sehr happy, dass es Sextoys gibt. Nicht nur als Unternehmer. Aus der Männerperspektive ist Sex auch ein riesiger Druck. Dir wird von den Medien, Pornos und der Gesellschaft gesagt, dass du alles wissen musst, nicht nachfragen darfst und vor allem immer und unendlich lange können musst. Das ist doch einfach Bullshit und vor allem auch nicht geil.

Wie oft gehst du zum Sugaring, damit du im Bett gut aussiehst?

Zum was?

Zum Sugaring.

Was ist das denn?

Das ist eine Enthaarungsmethode, ähnlich wie Waxing. Aber halt mit flüssigem Zucker. Ist viel sanfter, kann ich dir empfehlen.

Ha! Das merke ich mir. Wobei, wenn ich mir vorstelle, wie flüssiger Zucker auf gewisse Stellen aufgetragen und dann wieder abgerissen wird, dann habe ich jetzt schon Schmerzen.

Was meinst du?

Naja, du weisst schon. Der Teil mit der ganz empfindlichen Haut.

...

Ja ...

Probiers doch mal aus und sag mir dann, wie du es findest.

Will do!

Hast du eigentlich eine Sextoy-Firma gegründet, damit die Männer beim Sex endlich auch mal zum Orgasmus kommen?

Haha. Naja, ich finde einfach, Sextoys machen das Leben viel entspannter. Auch Männer haben Probleme damit, zum Orgasmus zu kommen. Es ist einfach noch ein grosses gesellschaftliches Tabu. Meine Libido leidet zum Beispiel auch, wenn ich gestresst bin. Aber weil ich ein Mann bin, darf das eigentlich gar nicht sein. Das nervt mich total, und ich weiss auch, dass viele andere Männer Mühe haben mit diesem stereotypischen Bild. Ich glaube jedoch, dass sich das langsam aber sicher verändert. Die Leute sprechen heute anders und offener über Sex. Das finde ich super.

Wirklich? Vielleicht Leute wie du und ich und unsere Bubbles. Aber was ist mit den Andrew-Tate-Fans?

Hm ja, da könntest du recht haben. (Überlegt lange.) Ich glaube, viele Männer haben nach wie vor grosse Probleme damit, Schwäche zu zeigen. Gerade, wenn es um Sex geht. Weil wie gesagt: Wir müssen alles und immer können. (Überlegt wieder.) Diese Männer bauen sich einen riesigen Schutzwall auf, der aber kaum standhält, wenn ihre Männlichkeit angegriffen wird. Und das ist eigentlich total traurig, mir tun diese Männer leid. Sie sind ja nicht wirklich selbstsicher, diese Fassade bröckelt relativ schnell. Und dann haben sie nicht den nötigen Mut, sich und anderen einzugestehen: So tough bin ich gar nicht, im Gegenteil.

Apropos Männlichkeit: Stresst es dich, dass Männer in Pornos immer so devot dargestellt werden?

Haha. Naja, die ganze Industrie ist doch irgendwie abgefuckt. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Frauen in der Pornoindustrie in zwei Alterskategorien eingeteilt werden: 18 und MILF. Und natürlich stört mich das. Es stresst mich auch, dass man bei vielen Filmen nie ganz genau wissen kann, ob das wirklich alles im gegenseitigen Einverständnis geschehen ist. Aber es gibt eine andere, feministische Porno-Bewegung, die immer erfolgreicher ist, und darüber bin ich froh. Produktionsfirmen, die sich um gute Anstellungsbedingungen kümmern, zum Beispiel. Ich hoffe, dass diese Art von Pornos die Zukunft prägen wird.

Wirst du denn Teil sein von dieser Zukunft? Auf Onlyfans?

(Kichert.) Nein, nein. Ich freue mich jetzt auf eine Zeit mit viel Langeweile und Gedanken für neue Projekte. Mein neuester Kink sind Alte-Männer-Aktivitäten: Ich gehe uh viel spazieren und früh ins Bett, trinke weniger Alkohol. Living my best granddad life, sozusagen.

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