In meinem Leben gibt es einen neuen Mann. Und dieser Mann wurde kürzlich Opfer eines sexuellen Übergriffs.

Viele Details werde ich euch an dieser Stelle nicht erzählen. Was dieser Übergriff in ihm ausgelöst hat, muss er emotional erst verarbeiten. Wenn er bereit ist und dies möchte, ist es an ihm, seine Geschichte zu erzählen. Sie gehört ihm, und das will ich respektieren.

Aber es ist eben ein Stück weit auch meine Geschichte. Auch bei mir löst sie komplexe Gedanken und widersprüchliche Gefühle aus. Aber zunächst – und mit seiner Erlaubnis – möchte ich die Eckdaten dessen mit euch teilen, was ihm widerfahren ist.  

Der Täter war in seinem Fall eine Täterin. Eine junge Frau um die Zwanzig, die schwer alkoholisiert in den Nachtzug einstieg, in dem er bereits sass. Eingepfercht in einem überfüllten Abteil, hatte er einige Stationen davor ein starkes Schlafmittel genommen, um ein paar Stunden zu schlafen. Er registrierte noch, wie sie zustieg, und schlief kurze Zeit später ein. Nach ein paar Stunden erwachte er, weil sie ihn sexuell anging. Dies wiederholte sich im Laufe der Nacht mehrmals, auf verschiedene Art und Weise, immer extremer. Er bat sie mehrfach inständig, damit aufzuhören, obwohl er kaum imstande war, sich unter dem Einfluss der starken Medikamente, die er genommen hatte, richtig zu artikulieren.

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Dies entspricht dem Tatbestand der Schändung von Art. 191 des Strafgesetzbuchs: «Wer eine urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähn­li­chen oder einer anderen sexuellen Handlung missbraucht ...»

Geschichten wie diese kommen selten vor. So selten, dass dazu kaum Studien und Zahlen existieren. Was man weiss: Insgesamt sind nur ca. 0.05% aller verurteilten Sexualstraftäter:innen weiblichen Geschlechts, wobei die Opfer in den allermeisten Fällen Kinder sind. Oder aber die Frauen unterstützen einen männlichen Haupttäter aktiv oder passiv beim Missbrauch seines Opfers. Alleintäterinnen gibt es gemäss Statistik kaum. Und wenn, dann suchen sie sich als Opfer keinen erwachsenen Mann aus. Und meist kennen sie ihre Opfer. Dies alles trifft auf diese Geschichte nicht zu.

Mein Freund und ich sprechen sehr offen miteinander über Geschlechterstereotypen, Sex, Gewalt und Gefühle. Das ist einer der Gründe, warum ich so verliebt bin in ihn. Ich bin froh, dass er sich sicher genug bei mir fühlt, um mir von diesem Erlebnis zu erzählen. Ich schätze sein Vertrauen und habe sehr darauf geachtet, richtig zu reagieren. Ich habe ihm gesagt, dass er nichts falsch gemacht hat. Dass er mir nichts «beichten» muss, weil er keine Schuld trägt, und dass es mir leid tut, dass ihm das passiert ist. Ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht und ob ich ihn irgendwie unterstützen kann bei der Verarbeitung dieses Erlebnisses. Ich war eine gute Freundin, ich habe die richtigen Sachen gesagt und den richtigen Ton getroffen.

Innerlich ging eine ganz andere Nummer bei mir ab. Ich war zum Beispiel tatsächlich kurz eifersüchtig! Ich fragte mich, wie gut diese junge Frau aussah, und ob er nicht vielleicht doch kurz in Versuchung geraten ist. Ich überlegte, warum er sich nicht «richtig» gewehrt hat, nicht den Schaffner informierte, sie nicht aus dem Zug werfen liess. Ich suchte den Grund für den Verlauf der Ereignisse bei ihm.

Dafür gibt es einen Begriff:  Victim Blaming.

Mit diesen Gedanken war ich eine ganze Weile beschäftigt. Danach fühlte ich mich einen Moment lang  mies. Und dann kam ich ins Grübeln.

Ich fragte mich erstens, ob Männer – so wie das bei Buben oft festgestellt wird – gewaltvolle Erlebnisse vielleicht eher in einvernehmliche umdeuten, weil in unserer Gesellschaft kein Platz ist für männliche Opfer. Zweitens dachte ich darüber nach, ob es sein könnte, dass Frauen häufiger Täterinnen sind, als das gesellschaftliche Narrativ vermuten lässt.  Und drittens drängte sich mir folgerichtig der Gedanke auf, ob Frauen nicht vielleicht häufiger Täterinnen sind, als wir denken.  

Rosanna Grüter
Ich suchte den Grund für den Verlauf der Ereignisse bei ihm. Dafür gibt einen Begriff: Victim Blaming.

Die Antwort auf all diese Fragen lautet leider Ja.

Erstens: Mein Freund erzählte mir, dass er im Halbschlaf zunächst glaubte, mit mir im Bett zu liegen. Er fragte sich, ob er der Frau deswegen falsche Signale sendete. Und er definierte das Erlebte zunächst nicht als sexualisierte Gewalt. Das stellte er erst im Gespräch mit mir fest.

Zweitens: Die Dunkelziffer im Bezug auf sexualisierte Gewalt ist hoch. Und die Annahme, dass männliche Opfer noch seltener Anzeige erstatten als weibliche, ist nicht aus der Luft gegriffen. Männer schämen sich noch mehr als Frauen, wenn sie Opfer werden. Und sie nehmen sich selbst in dieser Rolle nicht ernst. Meinem Freund ging es genauso: Er liess die Täterin am Schluss gar an seiner Schulter schlafen. Sie tat ihm leid, und er fürchtete, dass sie selber zum Opfer werden könnte, würde er sie aus dem Zug werfen lassen. Ausserdem fühlte er sich nicht direkt in seiner sexuellen Unversehrtheit bedroht – vermutlich aufgrund der körperlichen Unterschiede: Sie war weiblich, zierlich, jung und betrunken, er männlich, älter, wesentlich grösser und stand «nur» unter dem Einfluss von Schlafmitteln.

Und drittens: Ich muss mir leider eingestehen, dass auch ich vor einigen Jahren schon einmal ein «Nein» nicht akzeptiert habe. Weil es so selten passiert, dass einer Nein sagt. Weil ich betrunken war und nach einer langen Durststrecke endlich mal wieder einen gefunden hatte, mit dem ich schlafen wollte. Und weil ich davon ausging, dass ich zierliche Frau einen 1.90 Meter grossen Schrank von einem Mann unmöglich zu etwas zwingen könnte, was er nicht auch will.

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Später habe ich erfahren, dass er eine Frau und ein Neugeborenes zu Hause hatte. Er hatte also alle Gründe der Welt, Nein zu sagen. Und eigentlich hätte er keinen einzigen gebraucht, ausser der Tatsache, dass er Bedenken hatte. Mehr braucht man nie.

Auch wenn ich wohl keine bleibenden Schäden hinterlassen habe und mit dem betreffenden Mann heute noch befreundet bin: Ich muss mein Verhalten überdenken, wenn ich die Mechanismen sexualisierter Gewalt tatsächlich verstehen will.

Das damals, das war kein Einverständnis. Er sagte Nein, bevor er sich von mir «überreden liess».

Auch ich war also schon einmal Täterin. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein.