Wozu eigentlich fahren wir fort?, fragt sich unsere Kolumnistin Seraina Kobler. Was zieht uns, was wollen wir finden? Jetzt, wo viele von uns wieder planen, sich aufzumachen und fortzufahren, lohnt es sich, vor der Abreise noch einmal innezuhalten.

Es ist früher Morgen am Schubertring in Wien, der Verkehr rauscht über die Strassen, erste Sonnenstrahlen färben die umliegenden Prachtbauten rosa. Alles scheint hier doppelt so breit und doppelt so hoch zu sein wie in Zürich. Wir sind mit dem Nachtzug gekommen, um mein neues Buch vorzustellen, und es ist unsere erste weite Reise seit Langem. Die Kinder schlafen noch im Hotelzimmer, und abends zuvor fragten wir uns, ob man auch in Hotelzimmern zu Hause sein kann. Die immer gleich gestärkten weissen Bettdecken wecken in mir ein Gefühl der Vertrautheit. Die Schritte, die in weichen Teppichen versinken. Und weil vielleicht in jedem Hotelzimmer ein wenig auch all jene stecken, die man zuvor bewohnte, und mit ihnen die Menschen, mit denen man sie teilte.

Ich werde nun bald vierzig Jahre alt und war nie wirklich am Reisen. Einerseits wurde ich jung Mutter, studierte mit Kindern, die finanziellen Mittel waren immer bescheiden. Wir wanderten im Engadin oder fuhren ins Tessin auf den Campingplatz. Später kamen noch mehr Kinder dazu. Einmal schafften wir es bis nach Sardinien ans Meer. Ein anderes Mal nach Kroatien und einige Male nach Italien. Aber wirklich weite Reisen, mit genügend Zeit und einem offenem Ausgang, das kenne ich nur aus Büchern. Und die waren mir bis jetzt auch immer genug. Ich war in den Slums von Mumbai, im japanischen Onsenbad. Habe anschliessend Samosas gebacken oder Nudelsuppe mit Meeresalgen gekocht, ganz so wie in den Büchern. Und mit den Düften und denselben Handgriffen, verschmolz auch ich ein wenig mit den Orten und den Figuren, die sie beleben.

Seraina Kobler
Müssen wir wirklich selbst an Orte gehen, um sie zu erleben? Oder erwachen sie auch durch die Erzählungen von anderen? Warum haben wir überhaupt das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit unseren Alltag zu verlassen und Neues zu entdecken?

Letztes Jahr dann bekam ich das Angebot, für ein Magazin eine längere Reportage zu schreiben. Mit der transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok zu fahren und anschliessend mit dem Schiff nach Japan überzusetzen. Plötzlich begann sich meine Welt auszudehnen, die bisher in der erlebten Vorstellung im Herzen von Europa aufhörte. Ich las viel über reisende Frauen in der frühen Neuzeit, die, pars pro toto, erste Berichte aus dem Orient in die englische Society brachten, die dort in literarischen Salons vorgetragen wurde. Zu einer Zeit, als Reisen beschwerlich war und nur ganz wenigen Frauen überhaupt erlaubt und möglich.

Müssen wir wirklich selbst an Orte gehen, um sie zu erleben? Oder erwachen sie auch durch die Erzählungen von anderen? Warum haben wir überhaupt das Bedürfnis, von Zeit zu Zeit unseren Alltag zu verlassen und Neues zu entdecken? Damit meine ich nicht zur Erholung, sondern das Gefühl von Aufbruch. Die Seele mit anderen Farben, Düften und Erlebnissen zu nähren. Mutig in unbekanntes Gebiet vorzudringen und damit auch etwas von der gewohnten Kontrolle abzugeben. Um einen neuen Blick auf unser Leben zu erhaschen und in der Essenz zu erkennen, was darin wichtig ist.

Eigentlich spielt es gar keine so grosse Rolle, wie weit man weg fährt. Im Prinzip folgen alle Reisen einer ähnlichen Dramaturgie. Ob man nun mit dem Anhänger und zwei Kleinkindern nach Yverdon-les-Bains radelt oder mit dem Zug das grösste Land der Erde durchquert: Letztlich kann jede Reise uns näher an uns selbst bringen.

Die Reportage mit der transsibirischen Eisenbahn haben wir abgesagt. Weder ich noch der zuständige Redaktor hatten im Herbst zuvor, als wir sie planten, mit dem Grauen gerechnet, das die Ukraine und Russland nur wenige Monate danach überfallen würde. «Im Nachhinein sei man immer klüger», schrieb Dmitrij Gawrisch später. «Ich fühle das Gegenteil, ich fühle mich so richtig dumm. Den monatelangen russischen Truppenaufmarsch rund um die Ukraine hatte ich für eine Pokerpartie gehalten, Casino Royale, all in. Eine Freundin aus Dortmund erzählte mir von ihrer Angst vor einen neuen Krieg in Europa. Ich wischte per SMS ihre Sorge beiseite. Krieg bringe Menschen um, schade der Wirtschaft, niemand sei so kurzsichtig.»

Und es kam anders.

Die Weltkarte in meinem Arbeitsraum habe ich nun wieder zusammengerollt. Eigentlich spielt es gar keine so grosse Rolle, wie weit man weg fährt. Im Prinzip folgen alle Reisen einer ähnlichen Dramaturgie. Ob man nun mit dem Anhänger und zwei Kleinkindern nach Yverdon-les-Bains radelt oder mit dem Zug das grösste Land der Erde durchquert: Letztlich kann jede Reise uns näher an uns selbst bringen. Deshalb beginne ich im Spätsommer eine Ausbildung in systemischer Erlebnispädagogik. Zum Beginn mäandrieren wir mit dem Seekajak auf Elba der eigenen Biografie entlang. Ich werde lernen, bei jedem Wetter Feuer zu machen und mir ein geschütztes Lager zu errichten. Und die Welt um mich herum mit wachen Augen zu betrachten und in den Wäldern, an Steinstränden und unter dem offenen Sternenhimmel Bilder zu sammeln für die Kraft, die uns im Leben immer und immer wieder weiterzieht. Und darum, darum geht es doch eigentlich beim Reisen.

Auf eigene Gefahr
Wer eine Reise tut, erlebt etwas! Manchmal auch das blaue Wunder. Das Hotel ist anders als im Prospekt, die Strasse liegt zwischen Hotel und Meer, der Flug ist überbucht oder fällt ganz aus. Mit einer Rechtsschutzversicherung bist du in diesen Fällen abgesichert, besonders dann, wenn du dein Geld zurückhaben willst.