Seit das Auktionshaus Christie’s im März 2021 ein Werk des bis dahin unbekannten Mike Winkelmann aka Beeple für über 69 Millionen Dollar versteigert hat, fragt sich die Welt, was da passiert ist.

Demokratisierung der Kunst?

Im Jahr 2014 haben Anil Dash, heutiger CEO von Glitch und Künstler Kevin McCoy, ihre Erfindung an einer Konferenz in New York vorgestellt. Ihre Idee war es, Künstlern zu helfen, ihr eigenes Geld zu verdienen und die Kontrolle über ihre Werke nicht zu verlieren.

Andere argumentieren, dass dank NFTs der Kunstmarkt für alle zugänglicher werde. Johann König will diese sogenannte Fractional Ownership, geteiltes Eigentum, bald anbieten. Der deutsche Galerist argumentiert, dass Blue Chip Kunst, sprich sehr teure Werke wie beispielsweise ein Bild von Andy Warhol, momentan vor allem den Ultrareichen vorbehalten seien und er dies nicht korrekt finde. "Immerhin kann man mit NFTs nun einen winzigen Teil eines Kunstwerks erwerben", führt er aus.

Doch was genau ist nun ein NFT?


Hinter dem Begriff NFT stecken Fotos, Musik oder Videos. Diesen wird digital ein Wert zugeordnet. Als würden unsere Video-Dateien quasi handelbar. Ein NFT ist ein digitaler Vermögenswert, welcher auf der Blockchain eingeschrieben ist und beurkundet, wem eine bestimmte Anlage gehört. Der Wert verweist lediglich auf eine URL zu einem Bild, einem PDF, einem JPEG, einem Video, oder einem einzelnen Tweet. Besitzt man einen NFT, dann gehört einem dieser digitale Tweet, Bild oder Video.

Picasso digital zerstückelt

Aber auch physische Werke werden als NFT verkauft. Die Uffizi Galerie in Florenz hat bereits Werke des Museums als NFTs verkauft, um nach dem ersten Pandemie-Jahr die leeren Kassen zu füllen. Das Werk von Michelangelo verbleibt im Museum. Der NFT gehört aber dem Käufer. NFTs können so wie Aktien gehandelt werden. Auch die Schweizer Sygnum Bank hat diesen Sommer ein Werk von Pablo Picasso tokenisiert. Das rund vier Millionen Franken teure Werk wurde in mehrere Token zerstückelt. Jeder Anteil von Picasso’s Fillette au béret ist dabei gleich viel Wert und untereinander austauschbar. Das Bild selber ist derweil in einem sicheren Lager aufbewahrt.

NFTs sind die digitalen Jimmy Choos an den Füssen

Die beliebtesten NFTs sind die Avatare “Cryptopunks” von Larva Labs. Mittlerweile wird für ein Cryptopunk NFT zwischen 250’000 bis 7 Millionen Dollar bezahlt. Die Besitzerin eines Cryptopunks, kann den Avatar als Twitter-Profilbild nutzen. Twitter verifiziert diesen Avatar. Und das Profilbild befördert Menschen zu den VIPs im digitalen Raum. Der Avatar ist die Patek Philippe am Handgelenk, die Jimmy Choos an den Füssen, die Tiffany Kette am Hals. Es ist das Statussymbol im digitalen Raum. Ein NFT kann auch mit einem Panini-Bild oder Pokémon-Karte verglichen werden: Alle jagen die eine spezielle Karte - und greifen dafür tief in die Tasche.

Nicht jedes Panini-Bild hat den gleichen Wert. Es gibt seltene Bildli und solche, die keiner mehr braucht. Genauso ist es bei den NFTs: Sie sind nicht eins zu eins mit einem anderen NFT austauschbar, deshalb werden sie auch Non-Fungible Tokens genannt.

Brian L. Frye
Solange die Menschen daran glauben, solange haben NFTs einen Wert.

Revolution des Marktes für digitale Kunst?

Digitale Kunst kann unendlich repliziert werden, deshalb war es bisher schwierig, digitale Kunst zu verkaufen. Kenny Schachter macht seit 30 Jahren digitale Kunst. Früher hat er einige wenige seiner Videos auf USB-Sticks verkauft. Doch nun kann er NFTs verkaufen. Schachter hat in den letzten Monaten zum ersten Mal richtig viel Geld mit seinen digitalen Kreationen verdient. Trotzdem gibt er im Gespräch zu, dass NFTs nichts sind. "Solange die Menschen daran glauben, dann haben sie einen Wert", schreibt Jura Professor und NFT Künstler Brian L. Frye. Eine der Gefahren von NFTs bestehe darin, dass die Plattform, auf der die digitale Anlage gespeichert ist, vielleicht irgendwann nicht mehr existiere, weil die Provider dieser Plattform Konkurs gehen, meint Schachter. Dann habe man zwar ein Zertifikat, aber die Kunst dazu fehle.

Alain Servais
Die einzige Kunst bei NFTs ist die Art und Weise, wie sie verkauft werden.

Der belgische Kunstsammler Alain Servais kritisiert den Hype um NFTs: “Die Frage stellt sich, ob es sich überhaupt um Kunst handelt. Meistens handelt es sind lediglich um Memes und die einzige Kunst liegt darin, wie sie verkauft werden. Da wird kein Bewusstsein geschärft, was die eigentliche Aufgabe der Kunst ist. Im Gegenteil, NFTs machen uns nur noch konsumsüchtiger.”

Schachter erklärt es schlicht so: ”Durch Investitionen in Bitcoins und Co. sind in kurzer Zeit einige Leute zu Krypto-Millionären geworden. Dieses Krypto-Geld können sie jedoch in der realen Welt schlecht ausgeben. Was also tun sie mit den Millionen im elektronischen Portemonnaie, ihrem Wallet? NFTs kaufen!”

Eine (noch) männerdominierte Welt

Olive Allen an der Art Basel vor ihrem NFT

Die Krypto Welt ist eine männerdominierte Welt. Lediglich 7 Prozent der digitalen Währungskäufer sind Frauen. Deshalb sind die meisten Käufer und NFT-Künstler ebenfalls weiss und männlich. Das Hyperkapitalistische, Geldgetriebene stosse viele Frauen ab, sagen Experten.

Alice Bucknell
Weisse Männer haben stets Kunst weisser Künstler gesammelt. Gleiches passiert bei NFT.

Es gibt nur wenige erfolgreiche Frauen: Die Künstlerin Krista Kim, die erst seit 2020 mit NFTs arbeitet, hat im März 2021 das “erste digitale Haus der Welt” für über eine halbe Million Dollar verkauft. Die junge New Yorkerin Olive Allen macht seit 2018 Krypto-Kunst und gilt als Pionierin. An der Art Basel 2021 war sie am Stand der Nagel Draxler Galerie vertreten. Ihre Kunst wirft einen kritischen Blick auf die aktuelle Internet Kultur, auf Hypes und die sogenannte Aufmerksamkeits-Ökonomie. Auf die Frage, wieso die NFT-Welt noch so männerlastig sei, antwortet Allen: “Technologie spiegelt lediglich die Realität wieder. Und das Patriarchat regiert unsere Welt.”

Die Künstlerin Alice Bucknell sagt: “Historisch gesehen haben weisse Männer Kunst von weissen Künstlern gesammelt und das Gleiche geschieht leider zurzeit im NFT-Markt.” Olive Allen rät Künstlerinnen, sich dennoch nicht abschrecken zu lassen, sondern einfach loszulegen. “Ich glaube an eine Zukunft, in der sich Kunst und Technologie überschneiden. Und ich will eine aktive Rolle in der Gestaltung dieser Zukunft einnehmen”. Das habe sie motiviert, diese neue Technologie zu erkunden.

Eine der wenigen Initiativen, welche weibliche Künstlerinnen mehr Sichtbarkeit verschaffen will, ist die Community Women of Crypto Art (WOCA). Dort können sich SammlerInnen informieren.

Die Ethereum Blockchain ist ein Stromfresser

Beispielsweise zum hohen Stromverbrauch der NFT-Transaktionen auf der Ethereum Blockchain. Für jede Bewegung müssen im dezentralen System mehrere Rechner komplizierte Aufgaben lösen, was enorm viel Energie benötigt. Beeple, der durch die Christie’s Auktion zu den bestbezahlten Künstler der Welt zählt, sagt, dass er in naher Zukunft seine Emissionen im Zusammenhang mit seiner Krypto Kunst ausgleichen möchte.

Doch die NFT-Blase wird platzen. Wie andere Blasen auch platzen werden, die durch das weltweit tiefe Zinsniveau entstanden sind.

Einige Künstler fordern Veränderung: Die amerikanische Künstlerin Alice Bucknell boykottiert die Ethereum Blockchain. Sie sagt, dass sie ihren einzigen NFT auf der Algorand Blockchain geschürft habe, welche einen Bruchteil der Energie verbrauche im Vergleich zu Ethereum. GreenNFTs sammelt Geld, um Methoden zu fördern, die Krypto Kunst nachhaltiger machen.

“Die Blockchain kann uns durchaus helfen, die legale und technologische Infrastruktur für digitale Kunst zu schaffen”, anerkennt Sammler Servais. “Doch die NFT-Blase wird platzen. Wie andere Blasen auch platzen werden, die durch das weltweit tiefe Zinsniveau entstanden sind”, sagt Servais und und fügt hinzu: “Das Werk von Beeple wird niemals wieder 69 Millionen Dollar wert sein.” Danach wird es aber weitergehen. So wie wir nach der Dotcom-Blase nicht aufgehört haben, im Internet zu surfen.

Wer mehr über NFTs erfahren will: Künstlerin Alice Bucknell, Sammler Alain Servais und Mathias Imbach, CEO der Sygnum Bank, sprechen nächste Woche am DA Z Digital Art Festival in einem Panel zum Thema.