Caroline trinkt einen Schluck Wasser und sagt mit ruhiger Stimme: «Ich war im Wald und brach zusammen. Ich wusste: Ich stehe einen Schritt vor dem Tod.» Wenn Caroline heute von diesem Moment erzählt, ist sie gefasst. Obwohl es ein Moment war, der ihr Leben komplett veränderte. Für Caroline stammt diese Erinnerung aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt – der «Krebswolke», wie sie es nennt.

Ein Knoten aus dem Nichts

Caroline ist Kriminalpolizistin, heute 38 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern im Alter von drei und vier Jahren. Ihr Leben sei immer schön gewesen. Eine glückliche Kindheit, gute Freund:innen, ein toller Ehemann, zwei wunderbare Kinder. «Ich hatte immer das Gefühl, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Ich dachte: Irgendwann trifft auch mich ein Schicksalsschlag.»

Er traf Caroline am Samstag, 13. August 2022. Sie war an der Streetparade im Einsatz, als sie an ihrer linken Brust einen Knoten spürte. «Meine beste Freundin war zufällig auch da. Ich sagte ihr: Fass das mal an. Sie riet mir, möglichst schnell zum Arzt zu gehen.» Caroline rief gleich am Montag ihre Gynäkologin an, die sie vertröstete. Die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs sei bei einer so jungen Frau äusserst gering, ihre Agenda ausserdem sehr voll.

Caroline
Ich wusste schon vor dem Gespräch, dass es Krebs ist.

Caroline erhielt einen Termin in drei Wochen. «Für mich stimmte das nicht. Ich suchte nach einer Alternative.» Gleich am nächsten Tag konnte sie als Notfall in einem Spital zur Kontrolle. Man untersuchte sie und nahm eine Biopsie. Am Freitag wurden die Ergebnisse besprochen. Caroline ging alleine hin. «Ich wusste schon vor dem Gespräch, dass es Krebs ist. Als die Ärztin es mir sagte, war mein erster Gedanke: Zum Glück hat es nicht meine Kinder getroffen. Und mein zweiter: Wie sage ich es meinen Angehörigen?» Caroline rief ihre Nächsten nach dem Termin an und teilte ihnen sachlich mit, dass sie Krebs hat. Dann fuhr sie in den Wald.

Die häufigste Krebsart bei Frauen

In der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 6500 Frauen und rund 50 Männer neu an Brustkrebs. Bei Frauen ist es die häufigste Krebsart. Es ist ausserdem die zweithäufigste Krebsart in der Schweiz. Nur Prostatakrebs tritt noch häufiger auf (rund 7100 Neuerkrankungen pro Jahr). Das Risiko für Brustkrebs steigt ab einem Alter von 50 Jahren deutlich an. Fast 80 Prozent der Betroffenen sind 50 Jahre alt oder älter. Gleichzeitig gehört Brustkrebs auch zu jenen Krebsarten, die früher und bei jüngeren Menschen auftritt als andere Krebsarten.

Zu dieser Gruppe gehört auch Caroline, die zum Zeitpunkt der Diagnose 37 Jahre alt war. Mit ihrem Alter passt sie trotzdem in ein Schema. Denn bei ihr lautete die Diagnose: Triple-negativer Brustkrebs. Eine Variante, die besonders häufig bei Frauen unter 40 Jahren auftritt, aggressiv wächst und ein hohes Risiko für Metastasen, also Ableger, hat.

Eine Therapie mit vielen Nebenwirkungen

Bei Caroline musste darum alles schnell gehen. Zwei Wochen nach der Diagnose bekam sie die erste Chemotherapie. Kurz nach Therapiestart verlor Caroline ihre Haare. Das machte ihr zwar nichts aus, aber ihre Kinder verstanden es nicht. «Sie sagten: Du siehst aus wie ein Papa. Und sie fragten, wann ich wieder gesund werde. Ich antwortete: Wenn meine Haare wieder wachsen, bin ich wieder gesund.» Der Haarverlust war das kleinste Problem.

Caroline
Ich hatte Angst, dass ich sterben könnte.

Die anderen Nebenwirkungen der Chemotherapie waren schlimmer. Caroline musste nach fast jeder Chemotherapie ins Spital. Sie hatte Kopfschmerzen, Schwindel, ihr war schlecht, sie war kaum ansprechbar. In manchen Momenten fürchtete sie, an der Chemotherapie zu sterben.

Caroline befasste sich immer wieder mit dem Tod. «Ich hatte Angst, dass ich sterben könnte. Aber ich habe mal gelesen, man müsse mit dem Tod einverstanden sein, um die Angst davor zu verlieren.» Das verinnerlichte sie. Gleichzeitig sorgte sie sich um ihre Kinder. «Ich sagte mir immer wieder: Meinen Kindern geht es gut, sie sind in einem guten Umfeld, auch wenn ich nicht mehr da sein sollte, wird es ihnen gut gehen.»

Die Schweiz ist bei der Früherkennung ein Flickenteppich

Die Chancen auf Heilung sind bei Brustkrebs relativ hoch. Acht von zehn Erkrankten können geheilt werden und sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Dies gilt auch für die aggressive Variante Triple-negativ. Dennoch sterben jährlich rund 1400 Frauen und zehn Männer an der Krankheit. Insgesamt geht die Zahl der Frauen, die an Brustkrebs sterben, jedoch seit einigen Jahren zurück.

Ein Grund dafür ist die verbesserte Früherkennung. Je früher man den Krebs feststellt, umso höher sind die Chancen auf Heilung. Die wichtigste Methode dazu ist die Mammografie, eine Art Röntgenaufnahme der Brust. In zahlreichen europäischen Ländern werden Frauen ab 50 Jahren alle zwei Jahre zum Mammografie-Screening aufgeboten. In der Schweiz ist das etwas anders: Jeder Kanton regelt für sich, ob er ein Mammografie-Programm anbietet oder nicht. Aktuell haben 14 Kantone ein solches Programm, in zwei Kantonen ist die Einführung geplant. Die übrigen zehn Kantone verzichten auf ein Programm.

Viele Frauen müssen Mammografie selber zahlen

Das hat zur Folge, dass nicht alle Frauen in der Schweiz denselben Zugang zur Prävention haben. Und: Dass manche Frauen die Kosten für eine Vorsorgeuntersuchung selber zahlen müssen. Bietet ein Kanton ein Mammografie-Programm an, werden die Kosten für die Untersuchung bei Frauen ab 50 Jahren von der Krankenkasse übernommen – unabhängig von der Höhe der Franchise. Frauen, die familiär vorbelastet sind – also bei denen beispielsweise die Mutter bereits an Brustkrebs erkrankte – können ab 40 Jahren zur Vorsorge. In Kantonen, die nicht an einem Mammografie-Programm teilnehmen, müssen Frauen die Kosten in der Regel selbst zahlen.

Stefanie de Borba, Leiterin Politik und Medien Krebsliga Schweiz
Die Brustkrebsvorsorge ist ein Beispiel dafür, dass es auch in einem reichen Land wie der Schweiz Versorgungslücken und Missstände in der Zugangsgerechtigkeit gibt

Wer übrigens jünger als 50 ist und keine erbliche Vorbelastung hat, zahlt eine solche Vorsorgeuntersuchung in jedem Fall selber – obwohl etwas mehr als 20 Prozent der Betroffenen unter 50 sind. Die Kosten für eine Mammografie variieren von Kanton zu Kanton. In Kantonen mit Programmen liegen sie bei 182 Franken.

Die Krebsliga Schweiz kritisiert die unterschiedlichen Regelungen und bezeichnet diese als «Flickenteppich». «Die Brustkrebsvorsorge ist ein Beispiel dafür, dass es auch in einem reichen Land wie der Schweiz Versorgungslücken und Missstände in der Zugangsgerechtigkeit gibt», sagt Stefanie de Borba, Leiterin Politik und Medien bei der Krebsliga Schweiz. «Organisierte Programme zur Früherkennung von Brustkrebs sollten flächendeckend in allen Kantonen verfügbar sein, und alle Personen innerhalb der Zielgruppen sollten – unabhängig von ihrer finanziellen Situation oder sozialen Herkunft – die Möglichkeit haben, solche Untersuchungen durchführen zu können.» Die Krebsliga plädiert zudem für einheitliche Kriterien. Heute werden in einigen Kantonen Frauen zwischen 50 bis 69 Jahren zur Mammografie aufgeboten, in anderen liegt die Altersobergrenze bei 74 Jahren. «Wir sprechen uns für eine Erhöhung der Altersgrenze auf 74 Jahre aus», so de Borba.

Auch Pink Ribbon Schweiz sieht dies ähnlich. Die Organisation setzt sich im Kampf gegen Brustkrebs ein und organsiert unter anderem jährlich einen Charity-Walk: Aus unserer Sicht, ist Brustkrebs zwar von allen Krebsarten jene Art, die sehr oft thematisiert wird. Trotzdem gibt es noch Potenzial bei der Vorsorge und Aufklärung», sagt Geschäftsleiterin Nicole Zindel.

Caroline
Ich erinnere mich genau an den Moment, als die letzte Chemo fertig war. Ich habe mich nicht gefreut. Ich war nicht erleichtert. Es passierte einfach nichts.

Das «Leben 2.0»

Caroline hatte im Januar 2023 die letzte Chemotherapie. «Ich erinnere mich genau an den Moment, als die letzte Chemo fertig war. Ich habe mich nicht gefreut. Ich war nicht erleichtert. Es passierte einfach nichts.» Die Tage danach verbrachte sie im Spital. Als es ihr nach einigen Tagen besser ging, entfernte man die Infusion.«Erst da hatte ich einen Durchbruch. Ich weinte lauthals. Es war ein unglaublich schöner Moment.» Was danach kam, bezeichnet Caroline als «Aufräumarbeit». Sie hatte eine brusterhaltende Operation, sie hatte Bestrahlungen und eine Immuntherapie. Im August waren die Behandlungen abgeschlossen.

Caroline
Früher wollte ich dauernd irgendwo hin: Ich wollte Karriere machen, mich ständig weiterentwickeln. Heute bin ich bewusster. Ich bleibe stehen und sage mir: Schau, was du alles hast, und geniess das.

Seither kehrt Caroline Schritt für Schritt zurück ins normale Leben, in ihr «Leben 2.0». Sie kommt zu Kräften, die Nebenwirkungen der Therapien verschwinden nach und nach, sie arbeitet wieder. Und ihre Haare sind gewachsen: «Als das meinen Kindern auffiel, sagten sie: Mami, wir sehen deine Haare, bist du wieder gesund? Das war ein so berührender Moment», erzählt Caroline und wischt sich eine Träne ab.

Eine traumatische Erfahrung und positive Folgen

Heute geht es Caroline insgesamt gut, wie sie sagt. In ihrem Leben hat sich aber einiges verändert. «Ich habe psychisch Narben davongetragen. Ich zweifle etwa hundertmal am Tag an meiner Gesundheit und taste mich mehrmals täglich ab. Die Chemotherapie war traumatisch.» Gleichzeitig hätte diese schwere Zeit auch positive Veränderungen gebracht und dafür gesorgt, dass sie mehr im Moment lebe. «Früher wollte ich dauernd irgendwo hin: Ich wollte Karriere machen, mich ständig weiterentwickeln. Heute bin ich bewusster. Ich bleibe stehen und sage mir: Schau, was du alles hast, und geniess das.»

Untersuch dich regelmässig

Um Veränderungen an deiner Brust frühzeitig zu erkennen, ist es wichtig, dass du deine Brust regelmässig selber untersuchst. Am besten tastest du sie einmal im Monat ab. Ein guter Zeitpunkt ist jeweils zwei bis drei Tage nach dem Einsetzen deiner Periode.

So tastest du deine Brust am besten ab:

  • Taste deine Achselhöhle, deine Brustfalte und deine Brust nach Veränderungen ab. Dazu kannst du mit den Fingerspitzen vorsichtig die einzelnen Bereiche massieren.
  • Taste deine Brust kreisförmig von der Brustwarze her nach aussen ab.
  • Betrachte deine Brust im Spiegel. Und achte auf folgende Merkmale: Knoten, die hervorstehen, Grübchen, die einfallen, Hautveränderungen oder Rötungen, oder eine Veränderung der Brustwarze.
  • Zu den häufigsten Symptomen von Brustkrebs gehören ausserdem: Dellen, Geschwulst, blutartige Flüssigkeit aus der Brustwarze, eingezogene Brustwarzen, veränderte Farbe der Brustwarzenhöfe.

Wenn du Veränderungen in dieser Art bemerkst oder du unsicher bist, melde dich so rasch wie möglich bei deinem/deiner Gynäkolog:in oder in einem Brustzentrum.

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