«Es bringt Entlastung und verschafft den Frauen Zeit.» Mit diesen Worten fasst Anna Raggi die Vorteile des Social Freezing zusammen. Anna Raggi ist Reproduktionsmedizinerin am Zentrum fertisuiss und Mitglied des Vorstands der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Derzeit berät sie am Zentrum in Basel und Olten rund 10 bis 15 Frauen pro Monat, die sich für die Methode interessieren – Tendenz steigend.

Familienplanung teuer timen

Beim Social Freezing werden vorsorglich, also ohne medizinischen Grund, unbefruchtete Eizellen entnommen. Die Zellen werden bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff schockgefroren. Das Verfahren nennt sich Kryokonservierung.

Wünscht sich eine Frau oder ein Paar zu einem späteren Zeitpunkt ein Kind und gelingt die Schwangerschaft nicht auf natürlichem Weg, können sie diese Eizellen auftauen und künstlich befruchten lassen. In der Schweiz dürfen eingefrorene Eizellen derzeit maximal 10 Jahre aufbewahrt werden.

Die Behandlung ist gemäss Anna Raggi risikoarm. Dennoch ist sie körperlich anstrengend. In einem ersten Schritt spritzen Ärztinnen Hormone und stimulieren die Eierstöcke. Das begünstigt die Reifung mehrerer Eizellen. Diese entnehmen die Medizinerinnen danach bei einem kurzen Eingriff unter Narkose. Abhängig vom Alter der Frau und der Zahl der Eizellen, die konserviert werden sollen, braucht es mehrere solcher Stimulationszyklen. Das ist teuer: Je nach Klinik und Behandlung kosten die Stimulation, Entnahme und Einfrieren 3000 bis 6000 Franken pro Zyklus. Für die Lagerung muss bis 300 Franken pro Jahr gerechnet werden.

Je früher desto besser

Der Aufwand kann sich allerdings lohnen. Social Freezing erhöht die Chance für ein eigenes Kind zwischen dem 35. und dem 43. Lebensjahr deutlich. «Je früher die Eizellen entnommen werden, umso grösser ist die Chance für eine spätere Schwangerschaft», erklärt Anna Raggi. Konkrete Zahlen dazu liefert die Reproduktionsmedizinerin gleich mit: Lassen Frauen zwischen 30 und 34 Jahren rund 30 Eizellen einfrieren, liegen ihre Chancen für eine spätere Schwangerschaft und ein Kind mit diesen Eizellen bei rund 90 Prozent.

Social Freezing verschafft Frauen mehr Zeit für die Familienplanung – oder die Karriere.

Mutterschaft sorgt für Karriereknick

Social Freezing verschafft Frauen mehr Zeit für die Familienplanung – oder die Karriere. Aktuell sind Frauen in der Schweiz im Schnitt 31,1 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Viele werden damit in jenem Alter Mutter, in dem auch ihre Karriere Fahrt aufnehmen würde. Gemäss der Hochschulstatistik des Bundes sind Universitätsabsolvent:innen im Schnitt 27,2 Jahre alt, wenn sie den Mastertitel in der Tasche haben. Beim Bachelorabschluss an einer Fachhochschule liegt das Durchschnittsalter bei 26,6 Jahren, beim Masterabschlusses sind es drei Jahre mehr. Während Männer anschliessend die Karriereleiter hochklettern, bremst die Mutterschaft Frauen oft aus. Zwar sind rund 75 Prozent nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder berufstätig, aber neun von zehn Müttern arbeiten Teilzeit. Das wiederum schliesst auch heute noch in vielen Unternehmen Führungsfunktionen und einen Aufstieg aus.

Novartis denkt über finanzielle Unterstützung nach

Wird die Mutterschaft mittels Social Freezing auf Ende 30 Anfang 40 verschoben, ermöglicht dies Frauen, die Karriere voranzutreiben und in leitende Positionen aufzusteigen, bevor sie Kinder bekommen. Das haben auch Unternehmen erkannt. In den USA übernehmen zahlreiche Firmen die Kosten für Social Freezing. In die Schlagzeilen gerieten mit dieser Praxis im Jahr 2014 die Tech- Konzerne Apple und Facebook.

In der Schweiz ist man seitens der Wirtschaft zurückhaltend. Nestlé und Siemens geben auf Anfrage an, dass Social Freezing für sie kein Thema sei. Offener ist man in der Pharmabranche. «Unterstützung wird in vereinzelten Roche-Gesellschaften ausserhalb der Schweiz angeboten. Die gesellschaftliche Diskussion in der Schweiz verfolgen wir aufmerksam», sagt Nina Maehlitz, Media Spokesperson Roche Group. Ein Schritt weiter geht Novartis: «In der Schweiz offerieren wir noch keine finanzielle Unterstützung für Social Freezing. Wir prüfen jedoch diese Möglichkeit zusammen mit anderen Benefits auf globaler und lokaler Ebene», führt Anna Schäfers, Senior Manager External Communications, aus.

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Es reicht nicht für eine bessere Vereinbarkeit

Die Beteiligung von Firmen an der Familienplanung ist umstritten. Der Entscheid von Apple und Facebook rief zahlreiche Kritiker aus Politik und Wirtschaft auf den Plan: Von “Egoismus” über “anmassende Einmischung” bis zu “Optimierungswahn” reichten die Kommentare. Auch Anna Raggi sieht die Unterstützung durch Arbeitgeber:innen kritisch. Eizellen einzufrieren, reiche nicht, um Frauen wirklich zu fördern. Im Gegenteil: «Unternehmen, die nur durch Social Freezing die Karriere unterstützen, handeln sexistisch und vernachlässigen das natürliche Programm der Frauen. Es ist einfach so, dass Frauen in jungen Jahren fertil sind.» Bei der Vereinbarkeit von Karriere und Familie gehe es nicht nur ums Schwangerwerden, sondern auch um das Familienleben, betont die Reproduktionsmedizinerin: «Frauen – und auch Männer – brauchen die Möglichkeit, in einem Teilzeitpensum eine Führungsfunktion zu übernehmen, sie brauchen familienfreundliche Arbeitszeiten, Möglichkeiten für Kinderbetreuung und einfachere Aufstiegsmöglichkeiten nach einem Unterbruch. Das ist echte Frauenförderung.»

Anna Raggi
Eizellen einzufrieren, reicht nicht, um Frauen wirklich zu fördern.

Es fehlt an Aufklärung

Obwohl das Einfrieren von Eizellen häufig mit der Karriere in Verbindung gebracht wird, ist der Beruf nicht der Hauptgrund dafür. Das zeigen die Ergebnisse der Studie «Social Freezing – Kinderwunsch auf Eis» der Stiftung TA-SWISS von 2019. Demnach entscheiden sich Frauen vor allem für Social Freezing, wenn ein Partner fehlt. Anna Raggi nennt zwei Arten von Frauen, die sich für die Methode interessieren. «Es gibt die Planerinnen. Das sind jene, die bereits früh wissen, dass sie erst zu einem späteren Zeitpunkt Kinder haben wollen, beispielsweise um ihre Karriere voranzutreiben.» Sie machen höchstens einen Anteil von 20 Prozent aus. «Der Grossteil kommt zu uns, weil ein Partner fehlt.» Diese zweite Gruppe komme später, meist wenn das 35. Lebensjahr überschritten sei, was die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Schwangerschaft deutlich reduziert. «Die Möglichkeit von Social Freezing ist nach wie vor nicht sehr bekannt. Es fehlt an Aufklärung bei den jüngeren Frauen», bedauert Raggi.

Anna Raggi
Der Grossteil kommt zu uns, weil ein Partner fehlt.

Es gäbe derzeit kein einheitliches Vorgehen für Gynäkolog:innen, Social Freezing in Vorsorgeuntersuchungen anzusprechen. «Das Thema wird nicht routinemässig in Sprechstunden behandelt», sagt Irène Dingeldein, Gynäkologin und Past Präsidentin von Gynécologie Suisse. Das müsse sich ändern: «Die Möglichkeit sollte bei kinderlosen Frauen ab einem Alter von 30 Jahren in den Untersuchungen besprochen werden.»

Reproduktive Selbstbestimmung

Das wünscht sich auch Anna Raggi. «Je früher man die Frauen erreicht, umso besser. Sie erhalten eine Wahl und eine Art Absicherung. Es ist wie ein Geschenk an sich selbst, das man im besten Fall nie braucht.» Wie viele Frauen sich aktuell ein solches «Geschenk» machen, ist nicht erhoben. Die TA-SWISS-Studie geht davon aus, dass die Nachfrage noch gering ist. Grob geschätzt hätten in den letzten Jahren in der Schweiz nur jeweils rund 400 Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen. Die Studie prognostiziert aber auch, dass sich dies ändern werde. Künftig dürften sich in der Schweiz jährlich zwischen 2000 bis 10’000 Frauen ihre Eizellen einfrieren lassen. Dann wird das Thema wohl auch bei den Unternehmen vermehrt in den Fokus rücken.