Der KI-Chatbot ChatGPT ist nach wie vor in aller Munde. Auf den Sozialen Medien wird darüber geschrieben, in Talkrunden darüber diskutiert, in so manchem (Heim-)Büro wird er bereits rege genutzt. Was dabei auch vermehrt für Gesprächsstoff sorgt: Chief Technology Officer von OpenAI – dem Unternehmen, das ChatGPT entwickelt hat – ist die Ingenieurin Mira Murati. Eine Frau steckt also hinter den neuen KI-Technologien. Warum das so ein Gesprächsthema ist? Weil Frauen in der Tech-Branche noch immer eine Seltenheit sind. In europäischen Unternehmen sind nur 22 Prozent aller Tech-Stellen von Frauen besetzt. Beim Programmieren oder der Software-Entwicklung sind es sogar nur 17 Prozent Frauen.

Während sich Politik und Wirtschaft noch um den Fachkräftemangel im Tech Bereich sorgen – der OECD zufolge fehlen an die 1.4 Millionen Arbeitsplätze im Technologiesektor –, sehen Expert:innen eine Möglichkeit in der Schliessung des Gender Tech Gaps. Die Förderung von Frauen in MINT-Fächern und die Ermutigung, sich für Tech-Berufe zu entscheiden, steht hier an erster Stelle. Zusätzlich müssen Konditionen geschaffen werden, damit Frauen auch in der Tech-Branche bleiben wollen.

Weltweit gibt es immer mehr Organisationen, die sich dafür einsetzen, Mädchen und junge Frauen für Technologie zu begeistern und jene Frauen, die schon im Tech-Sektor aktiv sind, sichtbarer zu machen und zu vernetzen. Eine dieser Organisationen ist  «Women in Tech». Im Interview erklärt Safia Agueni, Leiterin der «Women in Tech Switzerland», wie es überhaupt zum Gender Tech Gap kommt, welche alltäglichen Konsequenzen der Gap mit sich bringt, und wie zukünftig mehr Frauen für die Tech-Branche begeistert werden können.

Safia Agueni, warum entscheiden sich so wenige Frauen für eine Karriere in der Tech-Branche?

Für die Beantwortung dieser Frage ist es zuerst wichtig, die Ursachen für den Gender Tech Gap zu verstehen. Die Forschung zeigt, dass sich Jungen und Mädchen bis zur Pubertät gleichermassen für MINT-Fächer begeistern. In der Pubertät entscheiden sich aber viele Mädchen für eine Ausbildung in Nicht-MINT-Fächern. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Mädchen in diesem Alter stark von Stereotypen und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst werden. Wenn ein Lehrer oder ein naher Verwandter überrascht fragt: «Warum willst du Informatik studieren?», kann das auf eine junge Frau eine sehr demotivierende Wirkung haben.

Das Interesse wäre also da, aber die Gesellschaft lässt es nicht zu?

Nicht nur. Ein weiterer Grund liegt auch darin, dass MINT-Fächer oft sehr mathematisch und theoretisch eingeführt werden. Diese traditionelle Herangehensweise kann zwar faszinierend sein, ist aber nicht für diejenigen Schüler:innen geeignet, die sich eher für lebensnahe und kreative MINT-Lösungen für Alltagsprobleme begeistern lassen. Und schliesslich kann die Aussicht, in einem von Männern geprägten Sektor zu arbeiten, für Frauen und Mädchen entmutigend sein.

Safia Agueni
Nur 37 Prozent der Studierenden, die einen Bachelor in einem MINT Fach erhielten, waren Frauen. Dieser Prozentsatz hat sich leider in den letzten zehn Jahren kaum verändert.

Und das wirkt sich dann auf die weitere Ausbildung wie die Berufslehre oder die Wahl der Studienrichtung aus?

Ja, an diesem Punkt der Ausbildung ist der Gender Tech Gap deutlich sichtbar. Laut Bundesamt für Statistik waren zirka 52 Prozent der Studierenden, die im Jahr 2021 ein universitäres Studium mit einem Bachelor abgeschlossen haben, weiblich. Doch: Nur 37 Prozent der Studierenden, die einen Bachelor in einem MINT Fach erhielten, waren Frauen. Dieser Prozentsatz hat sich leider in den letzten zehn Jahren kaum verändert.

Ist der Gender Gap über die MINT-Fächer gleich verteilt?

Nein. Während Frauen in Fächern wie Chemie und Naturwissenschaften mit 54 Prozent sogar eher überdurchschnittlich repräsentiert sind, gibt es einen wesentlichen Gender Gap in allen anderen MINT Fächer – am grössten ist er im Bereich der Technik sowie der Informatik, mit einem Frauenanteil von nur 22 Prozent respektive 13 Prozent. Immerhin hat dieser Frauenanteil gerade in diesen beiden Sektoren in den letzten Jahren langsam aber stetig zugenommen. Es besteht also Hoffnung, dass die vielen Initiativen, die auf eine gerechtere Vertretung von Frauen in der Technologiebranche abzielen, langsam Wirkung zeigen!

Was erwartet die Frauen dann nach ihrem MINT-Studium im Berufsleben?

Frauen sind, je nach Branche, in der sie arbeiten möchten, mit sehr unterschiedlichen Karriereperspektiven konfrontiert. Der jährlich von Advance und der Universität St. Gallen veröffentlichte Gender Intelligence Report zeigt das Ausmass der sogenannten «leaky pipeline», also des Phänomens, dass mit steigender akademischer Position der Anteil der Frauen sinkt. Während 44 Prozent der Arbeitskräfte auf Nicht-Führungsebene weiblich sind, sind nur 17 Prozent der Positionen auf der obersten Führungsebene mit Frauen besetzt. Interessanterweise sind die Tech-Branchen MEM (Maschinen-, Elektro- und Metall, Anmerkung der Redaktion) und Pharma/Life Sciences am besten darin, ihre Mitarbeiterinnen zu halten und zu fördern. Mit anderen Worten, die «gläserne Decke» ist in diesen beiden Sektoren am dünnsten. Es ist also auch in den anderen Branchen ein Wandel möglich.

Safia Agueni
Frauen, die in den Tech-Sektor einsteigen wollen, sehen sich mit einer Unternehmenskultur konfrontiert, die sich entwickelt hat, ohne ihre Bedürfnisse und Erwartungen zu berücksichtigen.

Welche Rolle spielt die Geschlechterrepräsentation in der Tech-Branche?

Die mangelnde Repräsentation von Frauen in der Tech-Branche prägt die öffentliche Meinung auf verschiedenen Ebenen und auf unterschiedliche Weise: Junge Mädchen haben keine Vorbilder, zu denen sie aufschauen können. Frauen, die in den Tech-Sektor einsteigen wollen, sehen sich mit einer Unternehmenskultur konfrontiert, die sich entwickelt hat, ohne ihre Bedürfnisse und Erwartungen zu berücksichtigen. Mehr oder weniger versteckte Vorurteile, die sogenannten «hidden biases», wie zu Beispiel, dass Frauen immer noch stärker mit Familie und Männer mit Karriere assoziiert werden, wirken sich auf die Art und Weise aus, wie die Gesellschaft weiterhin das Potenzial von Frauen im Tech-Sektor unterschätzt. Dies führt zu einem Teufelskreis, der nur sehr schwer zu durchbrechen ist.

Wie kann man mehr Frauen und Mädchen für die Tech-Branche begeistern?

Man muss Mädchen und junge Frauen in MINT-Fächer fördern und eine geschlechtergerechte Pädagogik entwickeln. Ausserdem muss man für ein vielfältiges und integratives Arbeitsumfeld sorgen und ganz wichtig, Vorurteile und Stereotypen abbauen.

Wie gelingt das?

Frauen, die bereits in der Tech-Branche, respektive generell in der MINT-Branche, tätig sind, müssen sichtbar werden und als Vorbilder fungieren. «Women in Tech Switzerland» unterstützt diesen Prozess durch eine Vielfalt von Aktivitäten, wie zum Beispiel «Industry Series», bei denen Expertinnen über ihre Arbeit in der MINT-Branche sprechen, «Meet the Tech Leader»-Anlässe und Networking-Events.Wir sind derzeit auch dabei, ein “Allyship“ Programm zu entwickeln, weil wir glauben, dass Männer als Verbündete eine zentrale Rolle dabei spielen, Veränderungen herbeizuführen.

Zeigen die Aktivitäten Wirkung?

Der Gender Tech Gap ist in der Schweiz dramatisch und verändert sich leider nur langsam. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, denn auf nationaler und regionaler Ebene werden unglaubliche Anstrengungen unternommen, um die Lücke zu schliessen. Eine Suche mit dem Begriff «MINT» in der Suchmaschine des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung ergibt 108 geförderte Projekte in der ganzen Schweiz. Es arbeiten zahlreiche Organisationen daran, Frauen in MINT-Berufen zu fördern und sich Gehör zu verschaffen.

Safia Agueni
Wenn sich ein grosser Teil der Frauen gegen eine MINT-Ausbildung oder eine MINT-Karriere entscheidet, ist der daraus resultierende Gender Tech Gap für die ganze Gesellschaft schädlich.

Welche Konsequenzen hat der Gender Tech Gap für den Alltag von uns allen?

Wissenschaft und Technologie prägen unser Leben in jeder Hinsicht. Wir profitieren von Errungenschaften wie einem verbesserten Lebensstandard, müssen uns aber auch mit negativen Folgen wie der Klimaerwärmung auseinandersetzen. Gerade in einer direkten Demokratie wie der Schweiz ist es von grundlegender Bedeutung, dass jede Person – unabhängig vom Geschlecht – ein Grundverständnis für MINT-Fächer hat. Wenn sich ein grosser Teil der Frauen gegen eine MINT-Ausbildung oder eine MINT-Karriere entscheidet, ist der daraus resultierende Gender Tech Gap für die ganze Gesellschaft schädlich. Auch aus wirtschaftlicher Sicht besteht ein enormes Potenzial, den aktuellen Fachkräftemangel zu beheben, indem mehr Frauen dazu ermutigt werden, MINT-Fächer zu belegen.

Tools wie ChatGPT gehen derzeit durch die Decke. Welche Auswirkungen hat der Gender Tech Gap auf die Entwicklung von künstlicher Intelligenz?

Zweifellos ist KI, also künstliche Intelligenz, eine Technologie, die unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird. Da nur etwa 10 Prozent der Frauen in der Informatik arbeiten, ist es besorgniserregend, dass die Algorithmen, die unsere Zukunft prägen werden, mit einem so geringen Frauenanteil geschrieben werden. Hinzu kommt, dass KI-Tools grosse Mengen an Daten benötigen, um trainiert zu werden. Wie jedoch bereits in dem Buch «Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert» von Caroline Criado Perez hervorgehoben wurde, berücksichtigen viele Daten das Geschlecht nicht. Wenn hier nicht mehr Bewusstsein entwickelt wird, besteht ein sehr realistisches Risiko, dass KI-Tools mit voreingenommenen Datensätzen trainiert werden, was weitreichende Folgen haben wird.

Welche Chancen ergeben sich durch den Abbau des Gender Tech Gap für die Gesellschaft insgesamt?

Das Verschwinden des Gender Tech Gaps wird zu einer gerechteren Gesellschaft führen, in der Frauen und Männer die gleichen Möglichkeiten haben. Es besteht ein Konsens darüber, dass Fortschritte bei allen «sustainable development goals», den 117 Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN, nur dann realistisch sind, wenn der Stärkung der Rolle der Frau und der Gleichstellung der Geschlechter ganzheitlich Priorität eingeräumt wird. Denn «wenn Frauen sich erheben, erheben wir uns alle».

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