Ich bin dem Prozess Depp vs. Heard während der letzten sechs Wochen nicht gefolgt. Im Gegenteil, ich hätte mich dem Thema liebend gerne entzogen. Nur: Das ging leider nicht. Die Schlammschlacht um häusliche Gewalt und Verleumdung folgte mir – mit einer Penetranz, die ihresgleichen sucht.

Memes von Amber Heards weinendem Gesicht. TikTok-Lip-Syncs ihrer Aussage vor Gericht. Endlos Videos von ihr mit Teufelshörner-Filter – und von ihm, mit Herzchen umrahmt. Hashtags wie «JusticeForJohnnyDepp», die über 18 Milliarden Views haben. Medienbeiträge, die das misogyne Narrativ, das online vorherrscht, unhinterfragt übernehmen und perpetuieren. Es gab kein Entkommen.

Wo waren die Fakten in der Öffentlichkeit?

Was auffiel: Wer sich, so wie ich, nicht explizit auf die Suche nach Informationen nach dem Prozess machte, dem begegneten erstaunlich wenig Fakten. Kolportiert wurden beinahe ausschliesslich Emotionen – und die waren ganz eindeutig mit überwältigender Mehrheit Depp-freundlich und Heard-feindlich geartet. Die Öffentlichkeit hatte sich längst entschieden, wer die Schuldige war, lange bevor die Jury in Virginia dazu ihr Urteil abgab.

Die Fakten:

  • Johnny Depp verklagte Amber Heard wegen Verleumdung. Grund dafür war ein Gastbeitrag über sexuelle Gewalt, den sie 2018 für die Washington Post schrieb. Sein Name wurde darin zwar nicht erwähnt, Depps Anwält:innen argumentierten, es sei dennoch klar ersichtlich gewesen, dass sich ihre Worte auf ihn bezogen hätten.
  • Sie reichte Gegenklage ein, weil Depps Anwälte ihre Geschichte als «Hoax» bezeichnet hatten.
  • Nachdem Heard 2016 die Scheidung eingereicht hatte, erwirkte sie eine einstweilige Verfügung gegen Depp. Diese wurde 2017 wieder aufgehoben, nachdem sich die beiden Parteien auf eine Abfindung geeinigt hatten.
  • Nach einem sechswöchigen Prozess entschied die Jury, dass Heard Depp in ihrem Gastbeitrag tatsächlich verleumdet hatte. Sie entschied aber auch, dass ein Anwalt Depps wiederum Heard verleumdet hatte, als er ihre Anschuldigungen als «Hoax» bezeichnet hatte – als Falschmeldung oder als Jux. Ein irgendwie absurdes Urteil.
  • Johnny Depp hatte bereits 2020 einmal wegen Verleumdung geklagt. Damals richtete sich die Klage gegen die englische Tabloid-Zeitung The Sun, die ihn als «Frauenschläger» bezeichnet hatte. Er verlor. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Amber Heard Gewalt angetan hatte – und zwar in mindestens zwölf Fällen.
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Warum hat Depp gewonnen?

Expert:innen prognostizierten vor dem jüngsten Prozess in den USA übrigens, dass er diesen verlieren würde. Zu ähnlich seien sich die beiden Verfahren – und zu verankert die US-amerikanischen Rechte in Bezug auf freie Meinungsäusserung. Dass Depp dennoch gewonnen habe, liege an folgenden Gründen:

a) Der Prozess in England wurde nicht live übertragen. Die öffentliche Meinung habe also eine viel kleinere Rolle für das Urteil gespielt.

b) Der jüngste Prozess sei von einer Jury und nicht von einer Richter:in entschieden worden. Jurys seien in Rechtsfragen weniger geschult und ausserdem anfälliger auf ebendiese öffentliche Meinung.

Solche Aussagen lassen bei mir alle Alarmglocken schrillen. Wurde hier ein Prozess tatsächlich in den Sozialen Medien entschieden anstatt vor Gericht?

Möglich wäre es. Es ist nämlich bei Weitem nicht das erste Mal, dass eine Frau, die sich gegen sexuelle Gewalt zur Wehr setzt, auf dem Scheiterhaufen der öffentlichen Meinung verbrannt wird.

Wer hat mit dem Prozess Geld verdient?

Erinnert ihr euch zum Beispiel an Jolanda Spiess-Hegglin? Falls nicht: Hier ein kurzer Reminder.

2014 besuchte Jolanda Spiess-Hegglin – damals frisch gewählte Kantonsrätin der Grünen – eine Feier  der Zuger Regierung. Am nächsten Tag erwachte sie gemäss eigenen Angaben mit Erinnerungslücken und Unterleibsschmerzen. Die Akten der der darauf folgenden Untersuchung im Spital gelangten auf bisher ungeklärte Art und Weise an die Öffentlichkeit, und eine Hexenjagd nahm ihren Anfang. Spiess-Hegglin wurde zur meistgegoogelten Frau der Schweiz. Im Unterschied zu Amber Heard wurde Jolanda Spiess-Hegglin juristisch nicht verurteilt – das Verfahren gegen zwei Verdächtige wurde lediglich eingestellt. Für die Medien und Otto Normaltroll im Internet war dennoch klar: Diese Frau muss lügen. Jahrelange Drohungen gegen sie und ihre Familie waren die Folge.

Influencer:innen, die Amber Heard verteidigten, verloren Follower, während solche, die sie verunglimpften und Depp verteidigten, massiv an Aufmerksamkeit gewonnen haben.

Eine weitere Gemeinsamkeit, welche die beiden Geschichten aufweisen: Die gigantischen ökonomischen Interessen, die hinter der Berichterstattung stecken.

Über 300’000 Franken Gewinn soll das Medienhaus Ringier mit ihrem Namen gemacht haben, sagt Jolanda Spiess-Hegglin – und klagte Anfang diesen Jahres die Herausgabe dieses Gewinns vor Gericht ein. Zeitungen mit ihrem Namen und ihrem Bild auf dem Titel hätten sich besser verkauft, Artikel über sie besser geklickt als andere. Die benachbarten Werbeplätze hätten entsprechend teurer verkauft werden können.

Ähnliches lässt sich im Prozess Heard-Depp beobachten, wobei hier nicht nur Medienkonzerne Gewinner der Berichterstattung sind, sondern auch die Digital Creators, die auf TikTok, Insta und Co. über den Prozess «berichteten». Tausende von ihnen sind auf den Amber-Heard-Hass-Zug aufgesprungen – und haben damit nicht nur unglaublich viel Aufmerksamkeit generiert, sondern auch unglaublich viel Geld. YouTuber, die zuvor nur über Games sprachen, äusserten sich in den letzten Wochen ausschliesslich zum Prozess. Accounts wie «ThatUmbrellaGuy», die ausnahmslos Pro-Depp-Content posteten, verdienten gemäss Analysten bis zu 80’000 Dollar in den letzten vier Wochen. Influencer:innen, die Amber Heard verteidigten, verloren Follower, während solche, die sie verunglimpften und Depp verteidigten, massiv an Aufmerksamkeit gewonnen haben.

Wenn diese Tonalität dann eine Jury und den Ausgang eines Prozesses beeinflusst, dann haben wir uns als Gesellschaft tatsächlich einmal im Kreis gedreht und sind zurück bei Lynchjustiz und Scheiterhaufen des Mittelalters.

Man muss nicht Ökonomie studiert haben, um zu verstehen, welchen Einfluss dieser Sachverhalt auf die Tonalität in den Sozialen Medien gehabt hat. Und wenn diese Tonalität dann wiederum eine Jury und damit den Ausgang eines Prozesses beeinflusst, dann haben wir uns als Gesellschaft tatsächlich einmal im Kreis gedreht und sind zurück bei Lynchjustiz und Scheiterhaufen des Mittelalters.

Johnny Depp hat seit Ende des Prozesses übrigens endlich einen TikTok-Account. Er wolle sich damit bei seinen Fans für die Unterstützung bedanken, sagt er.