Einnahmen im Wert von knapp 300’000 Euro konnte die Organisation für Natur- und Umweltschutz WWF mit ihrem NFT-Projekt in einem Jahr erzielen. Genauer gesagt mit ihrem NFA-Projekt. NFA steht für Non-Fungible Animal, es sind digitale Tierbilder. Der WWF hat diese erschaffen, um für Tierarten Geld zu sammeln, die vom Aussterben bedroht sind. Aber lass uns zuerst den Grundbegriff NFT nochmal anschauen.

Was sind NFTs eigentlich genau?

Bei einem NFT handelt es sich um einen nicht austauschbaren, digitalen Vermögenswert.

Im Allgemeinen gibt es in der Wirtschaft austauschbare und nicht austauschbare Vermögenswerte. Bargeld, zum Beispiel, ist ein austauschbarer Vermögenswert. Du kannst eine Einfrankenmünze eins zu eins gegen eine andere austauschen – der Wert bleibt genau gleich. Anders sieht es bei einem Kunstwerk aus. Ein Kunstwerk ist einzigartig und lässt sich nicht einfach gegen ein anderes austauschen. Es gibt vielleicht Kopien von diesem Kunstwerk, aber es wird immer nur ein Original geben.

Gleich verhält es sich auch mit digitalen Vermögenswerten. Ein digitales Kunstwerk wird NFT genannt, weil es eben nicht austauschbar ist, also «non fungible». Wem der NFT gehört, wird auf einer Blockchain festgehalten. Das macht ihn fälschungssicher.

Was es mit der NFT-Philanthropie auf sich hat

Nun zurück zum WWF und den Non-Fungible Animals. Der WWF hat also zehn Tierarten ausgesucht, die vom Aussterben bedroht sind, beispielsweise der Amur-Tiger oder der Berggorilla. Für jede dieser Tierarten wurde ein digitales Kunstwerk, ein NFT, erstellt. Besonders ausgeklügelt daran ist: Es gibt von jeder Tierart so viele NFTs, wie es noch Tiere dieser Art auf der Erde gibt. Vom Amur-Tiger gibt es 600 NFTs, so viele dieser Tiger leben momentan noch auf der Erde. Diese Kollektion der Non-Fungible Animals wird auf dem NFT-Marktplatz Open Sea zum Verkauf angeboten. Den daraus erzielte Erlös setzt der WWF für den Schutz der genannten Tierarten ein. Cool, oder?

WWF
Mit der NFA-Kampagne wollen wir Aufmerksamkeit dafür generieren, wie zählbar nah wir am unwiderruflichen Verschwinden mancher Tierarten sind.

Doch was sind denn nun die Vorteile, wenn Spenden über NFTs gesammelt werden? Darüber weiss Silvia Princigalli Bescheid, die gerade zusammen mit Jonas Kastenhuber eine NFT-Ausstellung im Haus der Kallistik kuratiert. Sie erklärt: «Aus Marketingsicht ist es eine coole Idee, wenn man mit NFTs Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema generiert.» NFTs können nämlich gewisse Anliegen sehr gut veranschaulichen, wie das Beispiel vom WWF zeigt. Die NGO schreibt: «Mit der NFA-Kampagne wollen wir Aufmerksamkeit dafür generieren, wie zählbar nah wir am unwiderruflichen Verschwinden mancher Tierarten sind.»

DickBits – die digitale Antwort auf sexuelle Belästigung im Netz

Das Projekt, das zurzeit im Haus der Kallistik in Zürich ausgestellt wird, hat ebenfalls einen sozialen Zweck und heisst DickBits. Und ja, es hat tatsächlich damit zu tun, was du jetzt vermutlich gerade denkst – mit Dickpics. Das «Social NFT Art Project» setzt sich für Menschen ein, die ungewollt über einen Messenger oder auf Sozialen Netzwerken ein Penis-Bild zugesendet bekommen haben.

Das Schweizer Künstlerduo, das hinter der animierten Pixel-Kunst steckt und anonym auftritt, will mit den DickBits einerseits aufzeigen, wie oft solche Fotos ungewollt an jemanden verschickt werden. Andererseits soll die Aufbereitung der Dickpics in pop-artige NFTs aufzeigen, wie absurd solche Fotos eigentlich sind. Empfänger:innen von ungefragten Penisaufnahmen können dem Künstlerduo die Fotos zusenden – und, wenn sie wollen, ihre Geschichte dazu erzählen. Das Foto wird dann verpixelt, kunstvoll aufbereitet und auf der NFT-Marktplattform Opensea zum Verkauf gestellt. Zurzeit gibt es 106 solche DickBits.

Das DickBits-Projekt wird zurzeit im Haus der Kallistik in Zürich ausgestellt.

Das Künstlerduo schreibt dazu auf der Website der Ausstellung: «DickBits sensibilisieren für das ungelöste Problem unerwünschter Penisse, die in den sozialen Medien verschickt werden, und bleiben dabei kohärent mit dem digitalen Medium der Smartphone-Schnappschüsse, indem sie die Pixelstruktur als universelles Symbol der Zensur einbeziehen.»

NFTs sind mehr als eine einmalige Spende

Beim DickBits-Projekt erhalten die ursprünglichen Empfänger:innen des Fotos die Hälfte des Erlöses, der aus dem Verkauf der NFTs erzielt wird. Bisher sind es schon mehrere tausend Franken, die ausgezahlt werden konnten. Doch die Verkaufssumme ist nicht die einzige Einnahme, die durch NFTs generiert werden kann.

Silvia Princigalli
Jedes Mal, wenn ein NFT weiterverkauft wird, gibt es eine Erlösbeteiligung von bis zu zehn Prozent für die Erschaffer:innen des NFTs.

Nebst den Marketing-Vorteilen gibt es nämlich noch einen anderen Grund, weshalb NFTs vermehrt für gemeinnützige Zwecke eingesetzt werden. Princigalli sagt: «NFTs können nach ihrem Erstverkauf auf Plattformen zum Weiterverkauf angeboten werden. Jedes Mal, wenn ein NFT weiterverkauft wird, gibt es eine Erlösbeteiligung von bis zu zehn Prozent für die Erschaffer:innen des NFTs.»

Im Fachjargon nennt man diese Erlösbeteiligungen auch Royalties. Diese Gebühr hat also für Künstler:innen den Vorteil, dass sie bei jedem Weiterverkauf ihrer Kunstwerke profitieren können. Für soziale Zwecke liegt der Vorteil von NFTs darin, dass sie eine Vielzahl an Einnahmen für ein Projekt generieren können, sofern das NFT weiterverkauft wird. Im Falle der DickBits erhalten die ursprünglichen Empfänger:innen des Dickpics bei jedem Weiterverkauf «ihres» NFTs eine zusätzliche kleine Spende. Neben dem WWF und DickBits sammeln unter anderem auch Boss Beauties, Nemus oder World of Women Geld für soziale Zwecke über NFTs.

NFTs als Social Identity

Silvia Princigalli war lange Zeit skeptisch gegenüber NFTs. Seit die digitalen Kunstwerke aber auch für soziale Zwecke genutzt werden, konnte sie sich immer mehr mit dieser digitalen Vermögensklasse anfreunden: «Ich kann mir vorstellen, dass NFTs vermehrt für Crowdfunding-Projekte genutzt werden, die sowohl einen künstlerischen Aspekt als auch einen soziale Zweck haben. Als Käufer:in der NFTs besitze ich dann mit meiner NFT-Sammlung eine Art digitales Profil. An diesem sieht man, welche Themen ich unterstütze und welchen Vereinen ich zugehörig bin.»

Studien zeigen übrigens, dass insbesondere Jugendliche der Gen Z ihre Identität immer mehr auch im digitalen Raum beziehungsweise im Metaverse aufbauen. Dies könnte unter anderem auch durch NFT-Sammlungen geschehen. Dadurch würden in virtuellen Welten Menschen mit gleichen Interessen leichter zusammenfinden und könnten sich für gemeinsame Anliegen einsetzen.

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