Matthias Daum ist Leiter der Schweizer Seiten der «Zeit», die in diesen Tagen ihren 15. Geburtstag feiern, und ein Drittel des transalpinen Podcasts «Servus.Grüezi.Hallo.». In den Männerfragen spricht der Journalist darüber, ob dem Männerkränzchen überhaupt jemand zuhört und welche Haargummis er am liebsten mag.

Wir fragen Männer, was sonst nur Frauen gefragt werden. Wir wollen damit einen Dialog über Stereotypen in Gang setzen, zum Nachdenken und Schmunzeln anregen, aber auch Toxizität entlarven.

Gib es zu: Ihr habt den Podcast «Servus.Grüezi.Hallo.» gegründet, weil ihr für eure Kaffeepause bezahlt werden wolltet.

Das stimmt! Wobei, eigentlich war es umgekehrt: Florian Gasser, mein Kollege im Wiener Büro, und ich haben sehr häufig während der Arbeitszeit miteinander telefoniert. In diesen Telefonaten – bei denen wir uns selbstverständlich nur über Arbeitsthemen unterhielten – merkten wir, dass wir uns zwar sehr für das jeweils andere Land interessieren, aber eigentlich keinen blassen Schimmer von Österreich beziehungsweise der Schweiz haben. Das wollten wir journalistisch nutzen und haben ein Konzept für einen Podcast erarbeitet. Und weil wir den gesamten deutschsprachigen Raum beglücken wollten, kam Lenz Jacobsen aus Berlin dazu.

Typisch Männer, dass ihr mit Pläuderle euer Geld verdienen wollt!

Klar, es heisst nicht umsonst, dass eine gute Zeitung an der Kaffeemaschine oder im Flur zusammengequatscht wird. Und dass wir alle drei gerne reden, können und wollen wir nicht verleugnen.

Woher kommt dieser Drang, dass du dich so exponieren willst?

Alle Journalistinnen und Journalisten haben doch ein stark ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis, nicht? Ich persönlich hatte vor bald sechs Jahren grosse Lust, ein neues Medium auszuprobieren. Denn in Podcasts funktionieren Dinge, die in schriftlicher Form in 99 Prozent der Fälle schief gehen – Ironie zum Beispiel.

Matthias Daum
Ohne Emotionen wäre nicht nur das Leben, sondern auch die Arbeit todlangweilig. Ärger, Betroffenheit oder auch mal Wut treiben mich durchaus an.

Ein guter Übergang zur nächsten Frage. Im Podcast teilst du häufig deine persönlichen Ansichten. Findest du es nicht etwas unprofessionell, Berufliches und Privates zu vermischen?

(Überlegt.) Nein. Wir alle entscheiden sehr bewusst, in welchen Momenten wir welche Dinge aus unseren Privatleben preisgeben.

Dafür werdet ihr alle ja sehr emotional. Solltet ihr nicht etwas weiblicher-rationaler und distanzierter arbeiten?

(Grinst.) «Servus.Grüezi.Hallo.» ist ein schöner Ausgleich zu unserer Arbeit als schreibende Journalisten. Wenn du etwas schreibst, ist das gesetzt und für alle Zeiten im Archiv abrufbar. Ein Podcast ist flüchtiger. Direktheit und Emotionalität – die übrigens durchaus etwas sehr Männliches sind – finden darin besser Platz. Viele Dinge würde ich nie so schreiben, wie ich sie im Podcast sage.

Wo machst du da die Unterschiede?

Ich spreche salopper. Im Podcast erträgt es auch einmal einen blöden Witz, vielleicht sogar einen saublöden.

(Redaktorin lacht.)

Das geht aber nur, weil die Hörerin und der Hörer mitbekommen, wie ich den Witz erzähle. Wenn man ihn gedruckt oder online lesen würde, wäre er einfach nur doof. Zwischentöne sind in Podcasts wahrnehmbar, das mag ich sehr.

Wie viel Vorbereitung steckt ihr jeweils in euer Männerkränzchen?

Ungefähr einen Tag. Wir besprechen die Folgen vorab und haben während der Sendung auch Notizen vor uns liegen, damit wir nicht völlig abschweifen. Die Aufnahme dauert eine Stunde und rausgeschnitten wird, abgesehen von «Ähms», Husten oder zu langen Lachanfällen, kaum etwas. Allerdings haben wir uns auch schon zwei oder drei Mal vergaloppiert oder sogar richtig verkracht während einer Sendung. Diese Snippets landen dann im Giftschrank unserer Produzentin.

So viele Emotionen!

Ja, ja! Ohne Emotionen wäre nicht nur das Leben, sondern auch die Arbeit todlangweilig. Ärger, Betroffenheit oder auch mal Wut treiben mich durchaus an. Man sollte dann einfach vor dem Schreiben oder dem Podcasten wieder den Kopf einschalten.

Da muss ich dir zustimmen. Hört eurem Männerkränzchen denn jemand zu?

Pro Folge haben wir im Schnitt 85’000 Abrufe und pro Monat, mit den Folgen aus dem Archiv, etwa eine Million.

Ganz passabel. War es nicht furchtbar schwierig, sich gegen all diese starken Frauen-Podcasts durchzusetzen?

Doch, wir kommen nie an Sabine Rückerts Verbrechen-Podcast vorbei! Wobei sie den langsam und nach und nach abgeben will, weshalb wir die Hoffnung noch nicht ganz verloren haben. Aber ernsthaft: Wir spielen in einer anderen Liga als unsere Kollegen von ZEIT Verbrechen.

Matthias Daum
Am Anfang war es immer wieder ein Thema, dass wir drei Männer sind. Auch wir drei waren unterschiedlicher Meinung, wie wir das finden. Für mich war allerdings von Anfang an klar: Das ist wurscht.

Fürchtet ihr die starken Frauen, dass ihr Männer unter euch bleiben wollt im Podcast?

Nein. Am Anfang war es immer wieder ein Thema, dass wir drei Männer sind. Auch wir drei waren unterschiedlicher Meinung, wie wir das finden. Für mich war allerdings von Anfang an klar: Das ist wurscht.

Weshalb?

Der Podcast lebt von der Dynamik zwischen uns dreien. Dazu kommt: Wir sind uns bewusst, dass wir drei Männer sind, thematisieren das regelmässig und nehmen uns auch nicht allzu ernst in unserem Mann-Sein. Aber wir diskutieren immer mal wieder untereinander, ob und wie wir als Männer-Trio über gewisse Themen reden sollen.

Weil sie euch zu komplex sind, oder warum?

Nein, weil wir uns fragen, was wir dazu zu sagen haben. Wir haben einmal eine Folge über Schwangerschaftsabbrüche aufgenommen. Dafür haben wir uns ganz bewusst entschieden, weil das Thema, wie so viele angeblichen «Frauenthemen», auch Männer betrifft. Darauf erhielten wir fast ausnahmslos positive Reaktionen. Bei der Folge übers Gendern war das etwas anders, da kriegten wir viele böse Mails. Aber schliesslich geht es doch darum, wie gut ich ein Thema vorbereite und ob ich mir bewusst bin, aus welcher Perspektive ich spreche. Dass mir mein Geschlecht verbieten soll, über ein bestimmtes Thema zu sprechen, diese Haltung ist absurd.

Warum willst du überhaupt über Politisches reden? Warum nicht ein Väter- oder ein Wohnungseinrichtungspodcast?

(Lacht.) In dem Mann beschreibt, wie er Ikea-Möbel zusammenbaut und dabei flucht? Das ist eine grossartige Idee! Gibt es das schon? Aber wir reden zum Glück nicht nur über Politik, sondern auch über Gesellschaftsthemen oder Absurdes. Kürzlich haben wir beispielsweise über Regenschirme versus Regenjacken diskutiert.

Fühlst du dich kompetent genug, darüber zu sprechen?

Worüber, über Regenschirme?

Zum Beispiel.

Nein, deshalb habe ich bei dieser Folge ausgesetzt, ich war in den Ferien. Aber klar, unser Themenspektrum ist sehr breit. Von vielem haben wir aus dem Stand so semi Ahnung. Bei gewissen Themen ist das egal, auch bei Regenschirmen, da kann man ruhig etwas dilettieren. Bei gewissen Themen geht das gar nicht, da muss man sich richtig gut einlesen.

Matthias Daum
Wir diskutieren immer mal wieder untereinander, ob und wie wir als Männer-Trio über gewisse Themen reden sollen.

Kommt irgendwann noch eine Folge zu Erziehungsfragen und Väterrollen?

Darüber haben wir sicher schon gesprochen, nicht? Wobei wir bei diesem Thema sehr unterschiedlicher Meinung sind, wie viel Privates wir öffentlich preisgeben wollen.

Wie siehst du als Vollblutvater das?

Aus euren Männerfragen-Gesprächen habe ich gelernt, dass Frauen in Interviews stets gefragt werden: «Wie bringst du Beruf und Familie unter einen Hut?» Ich finde das eine richtig doofe Frage, auf die es eigentlich nur eine Antwort gibt: «Das geht dich überhaupt nichts an!»

Darüber würde ich gerne diskutieren, aber wir müssen weitermachen. Du bist nicht nur Podcaster, sondern auch Leiter der Schweizer Seiten der Zeit. Woher hast du das Selbstbewusstsein für diesen Schritt genommen?

(Überlegt.) Als mein damaliger Chef gesagt hat, dass er nach Hamburg wechselt, habe ich ihm gesagt, dass ich seinen Job will.

Atypisch für einen Mann, dieses Selbstvertrauen. Wirst du als Mann ernst genommen?

Von wem?

Zum Beispiel deinen Mitarbeitenden.

Ich hoffe es (lacht).

Hast du keine Minderwertigkeitskomplexe, dass du bei den kleinen Schweiz-Seiten bist und nicht bei den Grossen in Deutschland?

Ich sehe uns als Schnellboot neben dem grossen Tanker. Manchmal müssen wir zwar besonders laut tuten, um uns bemerkbar zu machen. Dafür können wir immer mal wieder vorausfahren, während der Tanker noch am Wenden ist.

Und warum eigentlich die Zeit und nicht die Landliebe?

Weil ich ein sehr politisch interessierter Mensch bin und mir diese Zeitung in diesem Ausssenbüro mit diesem Team den vielseitigen und abwechslungsreichen Job bietet, den ich mir wünsche.

Wir kommen zum Ende und damit zu den Beauty-Themen. Was machst du eigentlich, dass deine Haare so gepflegt sind?

Nichts! Ich benutze ein Weidenrinden-Shampoo und bin mit guten Haargenen gesegnet.

Warum trägst du sie nie offen?

Ich trage sie ab und zu offen. Aber es nervt, wenn sie ins Gesicht fallen. Und im Sommer ist es mir zu heiss für eine wallende Mähne.

Letzte Frage: Welches ist dein Lieblingshaargummi?

Ein pinkes! Ich habe einmal ein gold-glitzernes gekauft, aber da hatte ich mehr Glitzer an den Händen als in den Haaren, das hat gar nicht funktioniert. Und, ganz wichtig: Die Haargummis dürfen nicht zusammengeklebt sein, sonst reissen sie.

(Lacht) Ich bin begeistert von so viel Wissen. Jetzt hast du es geschafft! Wie war es?

Ich hatte mir deine Fragen gemeiner vorgestellt.