Wir fragen Männer, was sonst nur Frauen gefragt werden. Wir wollen damit einen Dialog über Stereotypen in Gang setzen, zum Nachdenken und Schmunzeln anregen, aber auch Toxizität entlarven.

Der Luzerner Livio Carlin rappt als LCone über «Gugus». In den Männerfragen erzählt er, welche Kommentare er sich unter seinen Insta-Posts wünschen würde und inwiefern sich die Schweizer Hip-Hop-Szene in den letzten Jahren verändert hat.

Du als Rapper, wie fühlst du dich so als einer der wenigen Männer in der frauendominierten Hip-Hop-Szene?

(Kichert.) Jetzt habe ich kurz das Konzept der Männerfragen vergessen und dachte: Hä, es gibt ja megaviele Männer in der Szene? Aber mir gehts soweit eigentlich okay, ich kenne ja nichts anderes. Hip Hop ist immer noch sehr männerdominiert, aber in den letzten Jahren hat eine grosse Veränderung stattgefunden. Es gibt immer mehr Rapperinnen, und das ist eine sehr gute Entwicklung. Das bringt eine gute Stimmung in die Szene.

Wie meinst du das?

Es ist weniger toxisch, wenn mehr Frauen dabei sind. Und das tut allen sehr gut, habe ich das Gefühl.

Stimmt also das Klischee, dass es immer Zickenkrieg gibt unter den Männern?

Haha, ja, das stimmt definitiv. Wenn man sich zum Beispiel den Cypher (Rap-Wettbewerb, Anm. d. Red.) anschaut, wo viele rappende Männer auf einem Haufen sind, dann kann die Stimmung durchaus mal toxisch werden.

Du bist einerseits als Solokünstler LCone unterwegs, es gibt dich aber auch als Duo mit dem Luzerner Rapper Mimiks. Traust du dich alleine weniger auf die Bühne?

Das ist tatsächlich ein bisschen so! Zum einen ist Mimiks ein guter Freund von mir, schon alleine deshalb macht es zu zweit mehr Spass. Und andererseits ist es aber wirklich so, dass man weniger nervös ist, wenn noch jemand dabei ist. Der ganze psychische Druck und der Stress, die solche Auftritte mit sich bringen, werden auf zwei Menschen verteilt und lasten nicht nur auf meinen Schultern. Das ist schon angenehmer. Und wir haben ja sogar noch eine Band, die mit uns zusammen auf der Bühne steht.

Ich würde sagen, wir sind sogar sehr fähig und setzen uns viel mit ernsthaften Themen auseinander. Aber ganz ehrlich: Manchmal macht es auch einfach Spass, nicht zu viel denken zu müssen und einfach, eben, ein bisschen «Gugus» zu erzählen

Wer von euch beiden ist eigentlich der Hübsche und wer der Kluge?

Bei uns ist das noch speziell, Mimiks ist definitiv der Schönere und der Klügere von uns beiden. Aber ich glaube, ich bin dafür ein bisschen lustiger und zugänglicher. Wir schreiben auch unsere Songs zusammen, aber die meisten davon sind natürlich einfach Spass-Songs, so chli «Gugus».

Warum? Können Männer keine tiefgründigen Lyrics schreiben?

Doch, klar. Ich würde sagen, wir sind sogar sehr fähig und setzen uns viel mit ernsthaften Themen auseinander. Aber ganz ehrlich: Manchmal macht es auch einfach Spass, nicht zu viel denken zu müssen und einfach, eben, ein bisschen «Gugus» zu erzählen. Aber erst kürzlich haben wir einen Song veröffentlicht, der sehr ernst ist.

Du meinst den Song «Bouba», in dem ihr die Geschichte eines jungen Geflüchteten aus Guinea erzählt, der seit 2019 in der Schweiz lebt und noch immer keine Aufenthaltsbewilligung hat. Wie kams dazu? War das dein männlich-emotionales Herz, das überhandgenommen hat?

(Wird ganz ernst.) Irgendwie schon, ja. Mimiks hat Bouba zufällig beim Fussballspielen kennengelernt, und wir wurden irgendwann gute Freunde. Er besuchte alle unsere Konzerte und verbrachte viel Zeit mit uns, hat uns seine ganze Lebensgeschichte erzählt und eben auch von seiner Flucht in die Schweiz. Das hat uns alles sehr mitgenommen: diese Vorstellung, dass er hier ist, nach dieser grossen Reise, und jetzt einfach wieder gehen muss. Darum wollten wir einen Song über seine Geschichte schreiben.

Inwiefern war er in den Schreibprozess involviert?

Er hat uns an einem Nachmittag nochmal etwa vier Stunden lang seine ganze Geschichte erzählt. Hat auf der Landkarte jede einzelne Station seiner Flucht nachgezeichnet. Und wir haben ihm immer wieder die aktuellste Version gezeigt, als wir mit dem Schreiben begonnen haben. Es war uns sehr wichtig, dass er auch zufrieden ist. Es ist seine Geschichte, es geht nicht um uns. Und das Resultat ist sehr schön geworden. Wir haben auch ein bisschen die Hoffnung, dass der Song vielleicht sogar etwas an seiner Situation ändern kann und er durch die Aufmerksamkeit grössere Chancen hat, hier bleiben zu können.

Die grösste Self Care, die ich machen kann, ist: mit meinen Freunden sprechen. Das ist kein Geheimtipp, aber es tut mir sehr gut.

Männer sind ja sehr sensibel. Hat euch diese Arbeit auch emotional mitgenommen?

Ja, schon sehr. Vor allem gegen Ende, als der Song dann wirklich erschien. Dann wurde uns nochmals bewusst, dass es einfach eine reelle Gefahr ist, dass Bouba die Schweiz wieder verlassen muss. Das hat uns sehr traurig gemacht. Auch die Interviews darüber sind sehr emotional, ab und zu ist Bouba da auch dabei. Dann muss er seine Geschichte jedesmal nochmal erzählen, das ist nicht zu unterschätzen. Es ist ja noch nicht lange her.

Was sind denn deine Self-Care-Tools, um mit solchen Herausforderungen umzugehen? Schaumbäder?

Haha, das hätte ich gerne! Aber in meiner Wohnung hat es leider nur eine Dusche. Die grösste Self Care, die ich machen kann, ist: mit meinen Freunden sprechen. Das ist kein Geheimtipp, aber es tut mir sehr gut. Ich hatte mit meinen Freunden schon immer ein sehr enges Verhältnis, und wir können über alles reden, was uns bedrückt. Und ich habe gelernt, mir mehr Zeit für mich zu nehmen. Das tut mir auch sehr gut.

Männer reden also wirklich ständig über ihre Gefühle?

Ja, bei mir ist das wirklich so. Ich weiss, viele Männer tun das nicht, aber mein Freundeskreis scheint hier eine Ausnahme zu sein. Es ging nie darum, besonders krass sein zu müssen oder über gewisse Dinge nicht sprechen zu wollen. Das ist mir auch sehr wichtig in einer Freundschaft: dass man sich von seiner verletzlichsten Seite zeigen kann. Ich habe das Gefühl, das sind genau die Momente, die eine Freundschaft ausmachen. Ich finde es etwas sehr Schönes, wenn sich mein Gegenüber verletzlich zeigt. Das macht doch das Leben aus.

Gehst du als Soft Boy in der Hip-Hop-Szene nicht total unter?

(Überlegt, kichert.) Hmm, gute Frage. Ich habe eigentlich nicht das Gefühl, dass ich untergehe, ich bin ziemlich präsent, finde ich. Ich finde eher, verletzlich sein zu können bringt ein neues Spektrum in die eigene Persönlichkeit, gerade im Hip Hop. Und das macht mir Freude. Man verändert sich ja auch, ich mache das jetzt seit 15 Jahren und mache nichts mehr so wie am Anfang. Und das ist auch gut so. Ich bin übrigens auch nicht der einzige Soft Boy in der Szene.

Sitzt ihr am Cypher also abseits der Kameras im Kreis und redet über Liebeskummer?

(Lacht.)

Ich fände das noch schön!

Haha, ich auch. Aber nein, so ist es schon nicht. Ich habe den Cypher ja früher moderiert, und heute halte ich mich eigentlich gar nicht mehr so viel dort auf. Es ist mir manchmal etwas zu viel, und ich fühle mich fast ein bisschen ausgestellt, wenn ich mit vielen Leuten sprechen muss. Ich ziehe mich lieber ein bisschen zurück, werde halt auch älter!

Jahrelang die gleichen sexistischen Texte zu bringen, ist einfach auch brutal unkreativ. Es gibt viel bessere Wege, edgy zu sein in seinen Texten, als Sexismus.

Wie hat sich die Szene in den letzten Jahren denn verändert?

Sie ist viel diverser geworden. Nicht nur hat es mehr Frauen, die Themen sind auch vielschichtiger geworden. Rap ist immer noch sehr sexistisch, klar. Aber es verändert sich wirklich etwas. Gerade im Moment passiert viel in Bezug auf die Inhalte und die Sprache der Texte.

So einsichtig, das ist man sich ja nicht gewohnt von Männern. Woran liegts?

Ich denke, die Veränderungen haben auch viel damit zu tun, dass immer mehr Inputs von aussen kommen. Menschen, die sonst keinen Rap hören, stören sich an sexistischen Lines und kritisieren das – zu Recht! Hip Hop ist zu gross geworden, als dass man sich eine Arroganz leisten und einfach weiterhin sein Ding durchziehen kann. Und ganz ehrlich: Jahrelang die gleichen sexistischen Texte zu bringen, ist einfach auch brutal unkreativ. Es gibt viel bessere Wege, edgy zu sein in seinen Texten, als Sexismus.

Bist du also froh, dass du nicht mehr in einem Raum voller Frauen stehen musst, die darüber rappen, wie klein dein S****** ist?

(Lacht lange und laut.) Hey ganz ehrlich, da bin ich schon froh darüber! Also, wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Raum voller Frauen bin und die darüber rappen, wie klein mein S****** ist, dann stelle ich mir das wahnsinnig unangenehm vor. Und auch peinlich. Aber ich will mich da gar nicht rausnehmen.

Ich habe immer einen Concealer dabei, auch wenn ich nicht auf der Bühne stehe.

Erzähl.

Ich habe am Anfang meiner Rap-Karriere ab und zu sexistische oder sogar homophobe Lines gebracht. Einfach, weil man das halt so gemacht hat. Weil es cool war. Und das war eigentlich total paradox: Das waren Werte, die ich gar nicht geteilt habe. Aber ich habe mir dann das Hip-Hop-Kostüm übergezogen und mitgemacht. Meine Vorbilder haben ja schliesslich auch so gerappt! Und dann ging ich am nächsten Tag in die Schule und hielt einen Vortrag über Homophobie im Hip-Hop.

Kommen wir zum Abschluss noch zu den wirklich wichtigen Fragen: Wer macht deine Haare und dein Make-up vor einem Auftritt?

Das mache ich selber. Ich habe immer einen Concealer dabei, auch wenn ich nicht auf der Bühne stehe.

So eitel bist du?

Hmm, vielleicht wäre es besser, wenn ich zu meinen Hautmakeln stehen und meine Pickel voller Stolz tragen würde? Würde das bedeuten, dass ich selbstbewusst bin? Keine Ahnung. Ich mag Concealer einfach, haha. Und beim SRF, wo ich als Videoreporter arbeite, werde ich natürlich professionell geschminkt. Da darf aber auch niemand meine Haare anfassen!

Ich habe vor unserem Gespräch natürlich deinen Insta-Account angeschaut. Du zeigst dich ja ganz schön oft im Tank Top mit deinen Tattoos. Ist dein Körper dein eigentliches Kapital und gar nicht das Rappen?

(Kichert.) Ich fänds schön, wenn er es mehr wäre! Aber irgendwann musste ich halt einsehen, dass meine Follower mir nicht wegen meines Körpers folgen. Das ist ja auch gut so. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Manchmal wünsche ich mir ganz heimlich, dass jemand «wow, mega schön!» unter ein Foto kommentiert (kichert).

Wie hässig sind die Anrufe der SNB, Fabio Canetg?
Der Journalist Fabio Canetg arbeitet unter anderem für swissinfo.ch und produziert den Podcast «Geldcast». In den Männerfragen spricht er über Druckausübungen, journalistische Unabhängigkeit und seine grössten weiblichen Vorbilder.
Burnout: Die Anforderungen an Working Moms sind zu hoch
Unsere Autorin hat die härteste Weiterbildung ihres Lebens hinter sich: die Heilung ihres Burnouts. Was ihr offener Umgang damit bei ihr und vor allem bei vielen anderen Frauen ausgelöst hat, erzählt sie in ihrer ersten Kolumne.