Persönlichkeit
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Hintergrund
Alter:61
Ort:Wald ZH
Beruf:Vertrauensfrau bei der Unia und Detailhandelsangestellte
Einkommen:Zwischen 4000 und 4500 Franken
Schulden:Keine
Grösster Ausgabeposten:Miete und Krankenkasse

Antonella, was macht eine Vertrauensfrau überhaupt?

Ich nehme an den Sitzungen der Unia teil und akquiriere neue Mitglieder für die Gewerkschaft. Und in dem Geschäft, wo ich arbeite, wissen die Angestellten, dass sie mit ihren Problemen zu mir kommen können. Ich leite ihre Anliegen dann an das Unia-Sekretariat weiter, und wir schauen gemeinsam, wie wir dieser Person helfen können.

Welche Gefühle löst Geld bei dir aus?

Wut.

Weshalb?

Weil es bei so vielen Menschen nirgends hin reicht. Und jetzt haben wir ja gehört, dass die Mieten steigen. Was sollen wir Detailhandelsangestellten damit machen? Unsere Branche ist mit am schlechtesten bezahlt. Wie sollen die Leute weiterleben? Du krampfst ein Leben lang, und am Ende hast du nicht einmal genug zum Leben. Das ist frustrierend und macht mich wütend.

Wie gehst du mit dieser Wut um?

Seit 2003 bin ich Mitglied der Gewerkschaft Unia. Wir engagieren uns sehr, sind immer am Kämpfen. Am 14. Juni gehen wir Jahr für Jahr dafür auf die Strasse. Bei der Unia setzen wir uns auch stark für eine gerechte Rente für Frauen ein. Da wollen sie ja jetzt auch das Rentenalter erhöhen – mehr arbeiten, mehr einzahlen, aber weniger bekommen. Ich weiss langsam wirklich nicht mehr, wie das alles weitergehen soll.

Du sprichst die Diskussion um die Anhebung des Rentenalters auf 66 Jahre an. Was macht das mit dir?

Man muss sich überlegen, wie man die Pension gestalten soll. Soll ich mein ganzes Zeug packen und ins Ausland ziehen, wo ich besser leben kann? Dort will ich ja auch nicht reich werden, sondern mit dem Geld, das ich zur Verfügung habe, gut leben können. Nicht immer überlegen müssen, ob ich dieses Brot oder diesen Apfel kaufen kann. Sondern schlicht und einfach ein menschenwürdiges Leben leben. Hier geht das nicht. In der Schweiz bekommst du etwa 2300 Franken AHV, wie soll das denn bitte zum Leben reichen? Bei vielen Leuten kosten schon die Wohnung und die Krankenkasse so viel, und diese Kosten werden wie gesagt noch steigen. Wovon soll man dann leben?

Antonella Molla
Wir zahlen genug ein! Fast ein ganzes Erwerbsleben lang. Und jetzt wollen sie das Rentenalter nochmal erhöhen, geht's noch?

Gute Frage. Was schlägst du vor?

Die Politiker:innen, die diese Entscheidungen treffen, sollen mal versuchen, einen Monat lang von meinem Lohn zu leben. Und dann schauen wir mal.

Nochmal zurück zum Thema AHV: In der Schweiz ist es ratsam, privat vorzusorgen, damit man neben AHV und PK noch ein Polster für die Rente hat. Was hältst du von diesem Drei-Säulen-System?

Ganz ehrlich: Ich finde das hirnverbrannt. Wir zahlen genug ein! Fast ein ganzes Erwerbsleben lang. Und jetzt wollen sie das Rentenalter nochmal erhöhen, geht's noch? Dann kommst du ins Pensionsalter, und dann «lupfts di», was hast du dann von dem angesparten Geld? Das geht ja dann wieder zum Staat. Dazu kommt, dass die meisten Frauen, die im Detailhandel arbeiten, es sich gar nicht leisten können, in eine Säule 3a einzuzahlen.

Warum nicht?

Der Lohn im Detailhandel liegt zwischen 3800 und 4500 für ein Vollzeitpensum. Eigentlich wären 5500 Franken angemessen. Viele Frauen arbeiten ausserdem in Teilzeitpensen bei zwei oder drei Arbeitgebern. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass auf diese Löhne keine PK-Abzüge gemacht werden, weil du damit nicht auf die nötigen rund 22’000 Franken Jahreslohn kommst – die Teilzeitpensen werden nämlich nicht zusammengerechnet. Diese Frauen werden also doppelt bestraft: Der Lohn ist so niedrig, dass man nicht privat vorsorgen kann, und gleichzeitig reicht der Verdienst nicht einmal für die zweite Säule.

Antonella Molla
Den Frauen wird bei den Einstellungsgesprächen gesagt, dass sie untereinander nicht über ihren Lohn sprechen dürfen. Somit wird das Thema von den Filialleitern von Anfang an zum Tabu gemacht.

Wenn du mit anderen Frauen über Geld sprichst, worüber unterhaltet ihr euch?

Alle sagen das Gleiche: Sie haben zu wenig.

Was beschäftigt die Frauen im Detailhandel in Bezug auf Geld?

Auch hier: Alle verdienen zu wenig. Den Frauen wird bei den Einstellungsgesprächen gesagt, dass sie untereinander nicht über ihren Lohn sprechen dürfen. Somit wird das Thema von den Filialleitern von Anfang an zum Tabu gemacht. Also erzählen die Frauen zwar, dass sie zu wenig verdienen und es nicht reicht – wie viel genau es ist, das sagen sie aber nicht.

Warum ist das so?

Sie haben Angst vor ihren Vorgesetzten, logisch. Heute heisst es: «Wenn es dir nicht passt, ist dort die Tür! Es gibt genug andere, die einen Job suchen.» So setzt man die Leute psychisch total unter Druck und schürt Angst. So viele rattern wegen Mobbing von Vorgesetzten ins Burn-out. Aber klar, wenn den Angestellten verboten wird, über ihr Gehalt zu sprechen, gibt es auch keine Lohntransparenz. Folglich kann man sich auch nicht gegen Lohnungleichheit wehren. Ich spreche aber darüber mit denjenigen Arbeitskolleginnen, zu denen ich ein gutes Verhältnis habe. Und ich weiss von einigen in meiner Filiale, dass sie mehr verdienen als ich – obwohl sie jünger sind und weniger Erfahrung haben.

Wehrst du dich dagegen?

Ganz ehrlich: Ich muss noch zwei Jährli arbeiten, dann ist gut. Ich mag nicht mehr mit meinem Arbeitgeber kämpfen, ich will in aller Ruhe einen guten Abgang machen. Ich kämpfe aber weiter mit der Unia für die Rechte der anderen.

Womit kommen die anderen Frauen in deiner Rolle als Vertrauensfrau zu dir?

Wirklich sehr oft geht es um dieses Mobbing. Darum, dass sie Angst haben vor ihren Vorgesetzten. Die Macht, die die Filialleiter haben, ist zu gross, und ihre Erwartungen sind sehr oft einfach unrealistisch. Man soll so viel Arbeit in so kurzer Zeit erledigen, nicht einmal die Filialleiter selber könnten das! Das belastet die Frauen sehr. Und eben, gleichzeitig trauen sie sich nicht, sich zu wehren, weil sie so abhängig von diesem Job sind. Es braucht dringend eine Veränderung in Bezug auf die Machtverteilung, sonst trauen sich die Leute nie, sich zu wehren. Selbst wenn du dich beim Verkaufsleiter beschwerst, bringt das nichts – der stärkt hundert Prozent dem Filialleiter den Rücken und nicht dir. Auch in Bezug auf die Stunden und Arbeitstage gibt es immer wieder Probleme.

Inwiefern?

Wenn man anfängt und sagt, dass man zum Beispiel nur am Montag, Mittwoch und Donnerstag arbeiten kann, dann sollte das eingehalten werden. Viele Frauen betreuen an den anderen Tagen ihre Kinder und können gar nicht einspringen. Und dann kommt vielleicht eine neue Filialleiterin und sagt: «Jetzt musst du an diesen Tagen arbeiten.» Dann geraten die Frauen in einen Clinch. Darum sage ich jeder: Halte deine Arbeitstage schriftlich im Vertrag fest, eine mündliche Abmachung schützt dich nicht ausreichend.

Antonella Molla
Tessiner:innen und Westschweizer:innen können mit ihrem Lohn heute wirklich nicht mehr leben.

Was braucht es, damit mehr Frauen offen über ihren Lohn sprechen?

In Bezug auf den Detailhandel braucht es einen einheitlichen, fairen Lohn, und zwar schweizweit. Zur Illustration: Als ich 1978 im Detailhandel angefangen habe, verdiente ich 2000 Franken, heute sind es 5500. Aber wenn man das richtig durchrechnet und alle Teuerungen einbezieht, müsste der Lohn zwischen 6000 und 7000 Franken liegen. Davon ist der Detailhandel meilenweit entfernt. Und auch innerhalb der Schweiz gibt es grosse Unterschiede: Momentan liegen Welten zwischen den Löhnen im Tessin und der Westschweiz und denjenigen in der Deutschschweiz. Tessiner:innen und Westschweizer:innen können mit ihrem Lohn heute wirklich nicht mehr leben.

Wie überleben diese Menschen?

Sehr knapp. Sie suchen sich oft einen kleinen Nebenjob, der im Monat vielleicht noch 200 Franken zusätzlich einbringt. Viele arbeiten nebenher noch als Reinigungskraft, um über die Runden zu kommen. Und dann müssen sich dieses wenige Geld gut einteilen, um damit etwas Brot und ein wenig Butter kaufen zu können. Eine Einzelperson kann damit vielleicht durchkommen, aber stell dir vor, du hast eine Familie zu ernähren. Das schaffen nur die, die einen Mann haben, der gut verdient und das winzige Einkommen der Frau ausgleichen kann in der Familienkasse.

Antonella Molla
Irgendwann wird sich alles auszahlen. Vielleicht bin ich dann nicht mehr da, wer weiss. Aber was ich jetzt säe, werden andere ernten können.

Was können wir als Gesellschaft tun?

Schau, der Frauenstreik jedes Jahr ist ein sehr bedeutendes Instrument. Es ist wichtig, dass wir, die können, dort mitlaufen – für diejenigen, die nicht können. Es ist mir wichtig zu sagen: Die Arbeit im Detailhandel ist einer der schönsten Jobs auf der Welt. Ich meine das wirklich so. Du hast so viel Kontakt mit Menschen, kannst ihnen mit deinen Worten den Alltag versüssen und nimmst davon selber vieles mit. Aber wir haben viel über Angst gesprochen, und das zu Recht. Es würden so viel mehr Frauen mitlaufen an solchen Demos, viel mehr würden streiken, aber: Angst blockiert alles. Diese Angst, den Job inmitten einer Rezession zu verlieren, wird durch Vorgesetzte geschürt. Als wären wir Sklaven! Das muss sich dringend ändern.

Was treibt dich persönlich an?

Ich hatte schon immer einen starken Gerechtigkeitssinn. Das haben mir meine Eltern beigebracht. Wenn ich ein Brot habe und du hast keins, dann schneide ich meins entzwei und gebe dir die Hälfte. Ich hoffe, nein, ich glaube fest: Irgendwann werden wir Gerechtigkeit erreichen. Irgendwann wird sich alles auszahlen. Vielleicht bin ich dann nicht mehr da, wer weiss. Aber was ich jetzt säe, werden andere ernten können.

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